Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. April 1938 (Berlin)


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6. April 38.
Mein innig Geliebtes!
Ich möchte Dir gern schreiben, aber die Kraft reicht nur noch für 10 Minuten, da der Semesteranfang mit 3facher Front ohne frühere Vorbereitung sehr mühsam ist. Es kommt also nur ein äußerer Bericht.
Wir waren am 30.III. bei Hermine, sehr liebenswürdig und auch allerhand lebendige Leute (so Winnig.) Gleich danach grub L. die Zahnwurzel aus, was doch sehr auf das Allgemeinbefinden gewirkt hat. Ich befinde mich, leider wie Du, in einem betonten Schwächezustand, der vermutlich aus einer Insuffizienz des Herzens hervorgeht. Donnerstag hielt ich den fälligen Akademievortrag über das Thema: "Wie erkennt man einen Nationalcharakter", der wohl gedankenreich, aber lange noch nicht reif war (vor Plenum.) Wallner brachte Nachrichten über die hoffnungslose Lage der "Gesellschaft für Dtsch. Erziehungs- und Schulgeschichte", deren Auflösung mir nun erwünscht erscheint, aber auch nicht einfach ist. Freitag hörten wir den japan.
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| Austauschprofessor Ito auf Japanisch über j. Gärten. Er ist ein lieber Mensch. Bei dieser Gelegenheit: die Zeitungsblätter enthalten das uns bekannte und in unsrem Besitz befindliche Buch: Nohara, Das wahre Gesicht Japans. Ich habe die Blätter gleich an Lili Scheibe weitergesandt. Den Bolza behalte ich gern noch hier, bis Zeit dafür kommt. Sonntag waren die beiden japanischen Damen Takahashi u. Inanuma zu Mittag bei uns; letztere war unsre Kochstudentin in Hakone (infame jap. Schiebung.) Einzelheiten sehr amüsant. Danach beim alten Freunde Eulenburg. Montag Abschiedstee im Kaiserhof von Ito (meinem Pedant) mit echt japanischen <Wortteil unleserlich>umständen, guten Berührungen zum A.A. (Also Dirksen London! aber Hilda D. in England??) Dienstag Beginn der Vorlesungen u. Sprechstunde. Pädagogik ca 60. Psychologie 250. Ich bin zufrieden. Nachm. bei Tigges [re. Rand] (Kammergerichtspräsident a.D.) wegen der Beleidigung durch den Oberkriegsgerichtsrat, die ich nunmehr energisch verfolgen werde. Rat nicht gerade eindeutig und ermutigend.
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| Aber für mich gibt es da nur noch eine gerade Linie, obwohl auch der Rechtsanwalt, der mir die Sache mitgeteilt hat, anscheinend kneift. Heut habe ich enorm gearbeitet für 2 Vorlesungen u. Seminar. Susanne war beim deutsch-japanischen Damentee, dann wir beide bei Ito im Harnackhaus. Dieser 70jährige gewinnt, wie alle alten Japaner, das Herz durch Güte und kleine Geschenke.
Wir erwarten viel Besuch: Christian Biermann, Eberhard König, Ottos aus Prag, Nichte Haide aus dem Frondienst bei ihrem Onkel im Oderbruch. Begegnung mit Litt geplant.
Heut war ich bei Meinecke, der eine erhebliche Bronchitis hinter sich hat. Man sprach da allerlei. Ich rechne nicht mit Zusatz morgen, sondern grüße schon heut mit allen herzlichen und guten Wünschen für Befinden und Arbeit.
Susanne grüßt mit mir.
Dein
Eduard.

[re. Rand] Ich werde wohl im japanisch-deutschen Auftrag während des Semesters noch in Stockholm reden müssen. Oslo u. Kopenhagen habe ich abgelehnt.