Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14./15. April 1938 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 14. April 38.
Mein innig Geliebtes!
Susanne ist mit unserer Nichte Haide in die Loh[über der Zeile] engrin-Aufführung gegangen. Denn wir haben ja jetzt die - Gralswoche. Ich habe mit brennendem Interesse v. Frisch, "Aus dem Leben der Bienen" gelesen, dies kleine Buch, das mir aber wie ein Triumph des menschlichen Geistes erscheint und als Erschließung unerhörter Prospektiven. Ich bin allein und erhole mich von anderen Triumphen.
Oder vielmehr: ich fühle mich müde und alt. Denn wie die Biene, mit der man experimentiert, vermisse ich die normale Umwelt. Mit dem "Verstande" gehe ich "begeistert" mit; für meine Seele vermisse ich den "feinen Duft", der zum deutschen Bienenkorb gehört hat.
Immer fühlbarer wird mir an unsrem Leben hier ein Zug der Verarmung: viel Verkehr, kein regelmäßiger Umgang. Wir haben immerzu Besuch, erst vorgestern ich 4 Stunden und 4 Leute an einem Tage.
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| Aber es fehlt die "vertraute Freundschaft." Vor allem: der Mann, der im gleichen Lebensalter steht. Von den "Potsdamern" ist er mir höchst achtunggebietend - aber er ist eigentlich Jäger, symbolisch gesagt. Und sie ist ein guter, aber "schwerer" Mensch, der mich ebenso "scheut", oder vor mir scheut, wie ich vor ihm. Meinecke und Franke, beide uns sehr nah, sind doch zu alt, um gleich zu fühlen. So leben wir denn, gemäß der Besuchsliste der letzten Zeit, zwischen Japanern (auch die Inanuma war da!), russischen Flüchtlingen aus England, Türken, Chinesen u.s.w. - aber wir verlangen nach anderer Aussprache.
Morgen kommt Litt, dessen Schwägerin eben hier gestorben ist. Gestern war der Prager Freund mit seiner Frau da. Das muß man erlebt haben. Da ist das leidenschaftlichste Anschlußfieber ausgebrochen, das ja wohl bald Erfüllung finden wird. Alles andre ist vergessen. Dann ist Christian Biermann zu nennen, und der Damenkreis, obwohl zusammen geschmolzen, ist noch immer groß. So geht es von "Ver
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|pflichtung" zu "Verpflichtung". Das eigentlich Erfüllende fehlt.
Die Angelegenheit mit dem Oberkriegsgerichtsrat habe ich dem tüchtigen Rechtsanwalt Georg Maier [li. Rand] (Sohn!) übergeben. Die "Gesellschaft für dtsch. Erziehungs- und Schulgeschichte" muß ich auflösen, weil die formellen Bestimmungen nicht mehr passen. Viel Mühe ohne produktiven Hintergrund. Wallner hat auch keine Lust mehr. Thiele wird mehr und mehr das, was ihm zu werden bestimmt war: Umstandskommissarius. Wenke hat wenig Zeit für mich, da seine Angelegenheiten Gottlob aussichtsreich stehen. Eine Begegnung mit B., diese Abkürzung wollen wir festhalten, war eine der vielen Nervenproben. Denn der schlichte Verlauf des Dienstes konsumiert eben die frische freudige Kraft. Ich fühle bei allem: zu alt, um nochmal von vorn anzufangen.
Ich werde nun wieder Vorsitzender der Ortsgruppe der Goethegesellschaft. Es beginnt wohl oder übel damit, daß ich die Juden herauskomplimentieren muß. Denn da kann jetzt kein Zweifel mehr sein.
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Wir waren vorgestern mit Lisbeth, unserem lieben und vortrefflichen Hausgenossen, in der hiesigen Kirche zur Bachschen Johannespassion. Einen Dankgottesdienst schickte man voran, was einige ernste Leute sehr übel genommen haben.
Es blüht jetzt wunderschön; aber unser Gartenplatz wird unzugänglich sein, weil Drosselnester angelegt sind; wir haben durch unsre Abwesenheit im vorigen Jahr eben "unsre Rechte verwirkt." Und es ist im Ernst so: man müßte sich aus Büchern über den Stand der Dinge orientieren.
Ich habe beim A.A. meine 9 kulturphilosophischen Vorträge aus Japan zu einer Art von Begutachtung eingeliefert. Zu diesem Zweck habe ich sie noch einmal gelesen. Das sind doch formvollendete Miniaturen, auch sprachlich (weil für die Übersetzung die klarsten Sätze gebildet werden mußten), wenn auch die Sache überall nur verkürzt herauskommen konnte.
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Eben ist Dein lieber Brief an Susanne gekommen. Ich habe ihn aus Versehen aufgemacht, weil ich nur auf die Handschrift achtete, dann allerdings auch gelesen. Das eine grausliche Bild habe ich Susanne sichtbar hingelegt. Sie reist nun bald nach Memel. Ich bin des Alleinseins so ungewohnt, daß mir davor etwas bange ist. Die "Welt" ist mir fremd geworden, und es ist in der Ordnung so, wenn man alt wird, - auch wenn weniger in der Welt und im Tiergarten, meiner Jugendwelt, verändert wäre, als bereits geschehen ist und folgen wird.
Heinz ist hier, und wir hoffen ihn in der nächsten Woche zu sehen. Ich habe viel Plage mit der Vorbereitung für die Vorlesungen, die man manchmal für unwichtig zu nehmen versucht ist.
Heut war ich auch bei Röschen, die nach 8 Wochen Krankenhaus wieder Daheim ist und Gottlob einen ganz "aussichtsreichen" Eindruck machte. Aber diesen Handschrift wirst Du nicht mehr
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| lesen können. Ich trinke jeden Abend ein nicht übermäßiges Quantum, um noch weiter zu kommen nach der Last des Tages; aber die andere Funktion dieses Mittels: zum Schlaf zu verhelfen, drängt sich mehr und mehr vor. Und so bin ich ganz am Ende, obwohl es erst 10 Uhr ist und ich erst 8 ¼ den Tag begonnen habe.
Gute Nacht! morgen mehr!
Dein
E.

Karfreitag.
Susanne und Haide sind ohne den Lohengrin gehört zu haben, heimgekommen. Denn die Vorstellung fiel aus. Heute sind sie in den Botanischen Garten gegangen, der war geschlossen. Nachm. waren wir im Zoologischen Garten. Im Anschluß daran gab es schweren Verdruß, wegen räumlichen Verfehlens trotz genauer Verabredung. Ein Karfreitag, wie er nicht sein soll.
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Litt war fast 3 Stunden da. Bewußte entschiedene Abseitsstellung. Im Gesamteffekt auch nicht erhebend.
Ich habe jetzt 3 Objekte von Dir, die Du zurückerhalten mußt: Bälz, Bolza und die Karten von 1928. Das wird seinerzeit kommen. Stockholm schwebt noch immer, obwohl das A.A. mit Recht sagt: den Redner für japanische Propaganda zu stellen und auch noch den Hörerkreis zu beschaffen - das sei eigentlich zu viel. Ich habe auch garkeine Lust. Ich habe überhaupt zu nichts Lust und bin wieder einmal wie der Fisch auf dem Sande. Das ist keine Osterstimmung, und doch möchte ich damit schließen, Dir herzliche Ostergrüße zu senden. Mögest Du sie mehr effektuieren können als ich. Es gibt tote Punkte in der moralischen Existenz. Fast fürchte ich, daß es auch tote Strecken gibt.
Dieser Brief, obwohl vieles aus Deinen lieben Briefen berührt werden müßte, das nicht berührt worden ist, geht morgen ab.
Innige Wünsche
Dein
Eduard.