Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22./24. April 1938 (Berlin)


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22.IV.38.
Mein innig Geliebtes!
Wir erleben ja nun die Rache für den allzufrühen und schönen Frühling, den wir genossen haben. Und ich scheine außerdem die Rache für Japan oder auch fürs Rauchen zu erfahren; denn mein Herz ist nicht eigentlich krank, aber - "es reicht nicht aus" und beeinflußt den ganzen Stimmungs- und Lebensrhythmus ungünstig, woran dann wohl auch das "Klima" mitschuld ist.
Am Mittwoch war Heinz zu Mittag hier. Er ist mir dem Wesen nach sehr sympathisch. Ich habe zu seinem Charakter, zu seinem Gemüt und zu seinem Streben alles Zutrauen. Aber Susanne wie ich fanden ihn gleich dem "Mann von 50 Jahren", und mir fehlte auch die Glut für seine eigne Gedankenwelt. Ich habe inzwischen seine Dissertation gelesen. Der 1. Teil ist talentvoll, in
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|soweit es sich um Überblick und Verständnis handelt. Der zweite - systematische - Teil ist resultatlos, gequält, ohne Linie, ohne die Unfertigkeit, die eines Tages durchbrechen muß. Da liegt ein mattes Vorbild vor, das er im Grunde selbst nicht glaubt, und das den unbefangenen Blick überall hemmt. Er kommt nicht ran ans Leben, Drängen, Müssen. Aber ich bin überzeugt, daß er ebenso wie sein Vater einmal ein prächtiger, tüchtiger Mensch sein wird - dem die Philosophie - nicht geschadet hat.

24.IV.
Heut früh kam Dein lieber Brief. Ja, von dem Aufsatz übers Bogenschießen kann ich mich nicht gut trennen; denn die Fahrt nach Stockholm kann sehr plötzlich kommen, und dazu muß ich ihn noch einmal lesen. Ich werde versuchen, Dir das betr. Heft von Nippon zu beschaffen.
Von meiner am Donnerstag Abend lebhaft empfundenen Einsamkeit merke ich nicht viel - aus Zeitmangel. Freitag
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| ging ich um 9 fort und kam um 8 wieder, mußte dann noch mit wichtigen Briefen (die von Georg Maier zweckmäßig geförderte Sache betreffend) zur Post. Sonnabend um 9 kam ein Student, um 12 war Empfang bei Planck zu seinem 80. Geburtstag (große Teile der Familie Harnack waren auch da) und um ½ 7 begann die Generalversammlung der nun wieder von mir geleiteten Ortsgruppe der Goethegesellschaft mit Vorträgen, Essen und Gesang. Um ½ 1 nachts kam ich nach Hause. Heut habe ich den ganzen Vormittag durchgearbeitet (das interessante und berühmte Buch Kretschmer, Körperbau und Charakter [über der Zeile] (2. Mal)) Um 3 kommt Frl. Dr. Koch, mit der ich etwas spazieren gehen werde, obwohl es immer noch nicht einladend ist.
Das Ansteigen der Hörerzahl nach einem Tiefpunkt am 3. Feiertag über die Anfangszahl hinaus in beiden Vorlesungen ist ein Lichtblick im Trüben. Auch kamen viele Briefe aus Japan (Ordenssache wird weiter verfolgt, Kotsuka kommt im Juli her u. dgl.) Frl. Silber war am Donnerstag bei uns.
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Nachm.
Ich bin mit Frl. Koch ein bißchen spazierengegangen. Sie ist ein Mensch von starkem inneren Leben, mit dem es immer fruchtbar ist. - Es ist auch heut noch kalt und regnerisch.
Hoffentlich geht es mit dem Armbruch der jungen Hechtin gut! - Wie heißt eigentlich das Buch der Frau Curie? Eberhard König sprach auch davon. Ist es lang?? Ich habe wieder unmäßig viel zu lesen.
Hier schicke ich Dir mit der Bitte um Rücksendung Abschrift des Briefes an W., die ich zufällig aufgefunden habe. Ich kann heut nicht mehr schreiben, weil ich von gestern noch recht müde bin.
Innige Grüße und Wünsche
Dein
Eduard.