Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8./9. Mai 1938 (Berlin)


[1]
|
Sonntag, 8. Mai 38.
Mein innig Geliebtes!
Wir haben heut seit der Rheinreise den ersten freien Tag gemacht und sind in Freienwalde gewesen - 8 Uhr fort, 8 Uhr heim. Der Kopf ist von der ungewohnten Luftfülle noch berauscht und die Beine sind müde, da wir wieder, wie wir beide Ende April 1928, via Fallenberg gegangen sind. Bei der Heimkehr fand ich Deinen lieben Brief.
"Eine Schwalbe macht keinen Sommer." Ich habe den bereits zurückgesandten Nachruf auf Ernst Schwalbe mit Bewegung gelesen. Wer und was ist eigentlich der Verfasser? Dank für die Mitteilung. Aber - Sommer war heut nicht. Gelegentlich hat es Graupelschauer gegeben. Trotzdem war das Wetter günstig, und der frisch grünende Wald tröstete über die braunen Blätter, die noch überall liegen.
[2]
|
Sonst geht es physisch nicht ganz nach Wunsch. Das Herz arbeitet nicht genug. Das mag mit der Überbeanspruchung in Japan zusammenhängen. Diese wird auch für andere greifbar, nachdem nun das 2. Buch meiner japanischen Reden, unter dem Titel "Pädagogische Vorträge" (10) hier eingetroffen ist, das im Umfang das erste übertrifft und doch noch nicht alles enthält, was in Japan geredet worden ist. Wir haben auch sonst viel Kontakt mit J., das sich im Kriege sehr schwer tut. Okubo, Kang, Yukiyama [über der Zeile] Becker u. viele andre haben geschrieben. Schöne u. schauerliche Bilderwerke kommen, und Ende Mai soll sogar endlich unser "Geschenk", das Bild von Araki, eintreffen, während die Angelegenheit dessen, "was zum Halse heraushängt", laut Mitteilung von der B. noch schwebt. Man muß dazu ein Gehalt von 16000 (nominell) haben. Ich habe allerdings nur 15900.
[3]
|
Wir haben eine nie abreißende Kette von Besuchen. Susanne ist nur 6 Tage fortgewesen und kam vom Brüderlichen ebensowenig erbaut zurück wie angetan vom Schwesterlichen und Tantigen. Sie hat jetzt eine kräftige Erkältung, die sie nicht mitgebracht zu haben behauptet, obwohl sie keinen Wintermantel mitgehabt hat. - Es waren also bei uns Frl. Silber, der Mittelschulrektor Stellmann aus Ostfriesland (feine Natur, Bericht à la Häbler), der Oger, Hans Volkelt, General v. Voß u. Frau, ein italienischer Philosoph namens Grassi (verwandt?) und mancher sonst. Auf Erika haben wir vergeblich gewartet, sie will aber in dieser Woche kommen. Christian Biermann hat seinen Doktor gemacht. Wir haben beim Rassengünther (feine Leute) Gegenbesuch gemacht. Georg Maier hat gegen den Herrn H. Dienstaufsichtsbeschwerde eingereicht. Es besteht die Vermutung, daß er mich wegen § 175 verdächtigt hat, was ja jetzt "nach be
[4]
|rühmten Mustern" genannt werden kann. (v. Frisch hat über die Bienen geschrieben. Das verwechselst Du wohl; es fehlt ein Buchstabe.) Gestern waren wir bei Frau u. Frl. Dr. Henrich eingeladen.
Nun, und wenn Du dies alles so hörst, wirst Du Dich mit Recht wundern, daß ich doch die ganze Kraft auf die Vorlesungen verwende. Das Seminar zeigt diesmal einen so starken Niedergang der Fähigkeiten und Leistungen, daß es mir ernstlich Sorge macht. ("Zur Entstehungsgeschichte der deutschen Volksschule")
Ihr habt in Heidelberg einen ganz jungen Romanisten bekommen, Dr. Mönch, bei dessen Habilitation ich wesentlich beteiligt war. Das scheint ein feiner Mensch, schon äußerlich. Kannst Du mir, für wichtige Zwecke, eine einigermaßen authentische Auskunft darüber beschaffen, auf Grund welcher Mängel Ernst Hoffmann vorzeitig pensioniert worden ist? Es läge mir wegen der Akademie viel daran.
[5]
|
Ich war zweimal zu Trauerfeiern im Wilmersdorfer Krematorium: am vorigen Sonnabend für den 77jährig verstorbenen Metzner, den Korrektor der "Gesellschaft für deutsche Erziehungs- u. Schulgeschichte", die ich am 23. Mai endgiltig auflösen werde; am Montag zur Bestattung des Archivars der Akademie, Prof. Sthahmer, der am Abend nach einer mutter munter mitbehandelten Geschäftssitzung mit 54 Jahren in befreundetem Hause einem Schlaganfall erlag. Memento mori.
Bei der Feier des 80. Geburtstages von Planck bin ich auch (allein) gewesen. Dort war auch Schrödinger, der "in lustigem Krieg" von NS. überall wieder aufgestöbert wird. Frankes sind in Badenweiler; Petersen ist erfroren (wie auch Wallner) von dort zurückgekehrt. Mit Thiele erlebe ich freudvoll und leidvoll die Drucklegung eines von ihm verfaßten Bandes der Monumenta Germaniae Paedagogica. Dem Schatzmeister Geheimrat
[6]
| Schuster
, haben wir zur 30 jähr. Tätigkeit bei der "Gesellschaft f. d. Erz. u. Schulgeschichte" gratuliert.
Für die Vorlesung quäle ich mich z. Z. mit Klges Klages. Was würde er sagen, wenn er diese Handschrift sähe? Es ist nun einmal so: über eine äußerste Grenze der Müdigkeit kann man beim besten Willen und aller Energie nicht mehr leserlich schreiben. Und wenn das nun jemand auf Charakter hin prüfte? Ich erschrecke und höre auf. Denn in meinem Gehirn hat es schon längst aufgehört. Und manchmal hört es auch im Herzen vor Erschöpfung und Desperation auf. Gute Nacht!

9. Mai 38.
Ich weiß nicht, ob noch etwas Wesentliches hinzuzufügen wäre - in den 10 Minuten, die noch bis zur englischen Stunde frei sind. Wir sehnen uns nach Wärme. Gestern ist noch ein schönes illustriertes
[7]
| Buch über Japan eingetroffen. Die Kriegslage für J. beurteilen manche so ungünstig, daß mich z. B. Niemeyer gebeten hat, von dem Plan der Herausgabe meiner Vorträge zurücktreten zu dürfen. Aber so schnell verzichte ich nicht; ich habe jetzt Meiner gefragt. Übrigens druckt der Tenno die 11000 Exemplare m. Japanvortrages nun tatsächlich. (Tenno = Himmelskönig.) Ich höre mit Teilnahme von all den Krankheiten bei den Deinen hier, denen oder die man nicht trauen darf. Hoffentlich erzählst Du mir im nächsten Brief, wie Du es bei Kohlers getroffen hast. Bitte grüße auch den Vorstand.
Viele Grüße v. Susanne und ein inniges Gedenken von mir besonders.
Dein
Eduard.