Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27./28. Mai 1938 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 27. Mai 38.
Mein innig Geliebtes!
Wir torkeln noch so über das Gletschereis, und da wir angeseilt sind, kann es ja allenfalls sein, daß wir hinüberkommen. Aber es war noch nie so ernst. Das müßte ja wohl jeder wissen. Es gibt aber Unwissende, Desperados und Desperierte. Die letzten sind in der eigentümlichsten Lage.
"Sonst" ist eigentlich nicht viel zu berichten. Die Tage sind immer ausgefüllt, und das ist leicht, da die Kraft nicht weit reicht. Vielleicht läßt sich dies noch einmal durch gesunde Ferien ausgleichen; vielleicht auch nicht mehr.
Zwei Japanfahrer haben ausführlichen Rat geholt: mein Nachfolger der Jurist Koellreutter (München), der einen guten Eindruck machte, und Graf Dürckheim-Montmartin aus dem Ribbentroppbüro, von dem das Gleiche gilt, nur daß ich vor ca. 13 Jahren Abstammungsfehler bemerkte, die an Ort u. Stelle sehr schädlich sein können.
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| Aus Japan waren hier: Dirksens, die wir nicht gesehen haben, der jetzige Botschafter Ott (dgl.), der Justitiar Dr. Vogt (in U-Bahn getroffen, Frau heute operiert), die Inanuma (wovon wohl schon berichtet.) Gestern habe ich hier jap. Fecht- und Ringstudenten gesehen. Das Fechten u. Ringen im Osten selbst scheint ernst. Das neue Kabinett ist nach unsrem Eindruck ein Konzentrationskabinett, in dem jeder Gruppe der kräftigste auf die Nase gesetzt ist, auch dem Militär. Hirota aber ist zum zweiten Mal wegge<Rest unleserlich>. Es steht nicht gut.
Die Abende, an denen ich ausgehe (Mittwochs- u. Staatswiss. Gesellschaft) werden mir wegen m. Müdigkeit meist zur Qual. Bei dem Wettersturz vor 10 Tagen hatte ich einen richtigen Kollaps. Wir waren mit lauter klass. Philologen bei Nordens, was man ja kaum noch laut sagen darf. Aber es war so hübsch, wie es heut sein kann.
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Am Montag habe ich die "Gesellschaft für d. Erziehungs- u. Schulgeschichte", mein kränkstes Schmerzenskind, aufgelöst. Auch dies wurde noch zur Tortur durch einen pathologischen Krakeeler, der natürlich nichts Positives zu raten wußte. Der 89jähr. Oberschulrat Müller (Leipziger Gedenkens) hatte sich auch dazu eingefunden. Mit diesem munteren Mann hätte ich ja auch das volkstümliche Thema behandeln können, daß die Lehrer die Turmhähne ablösen werden, weil sie sich besser im Winde drehen können.
Dienstag hatten wir bei uns eine kl. Gesellschaft:
Petersen u. Frau
Lüders u. Frau.
Grassi u. Frau (Italiener)
General v. Voß u. Frau.
Das verlief sehr angeregt und darf als geglückt gelten.
Morgen Nachm. treffe ich mich mit Litt in Wittenberg. Er hat eine tapfere Schrift gegen Rosenberg geschrieben.
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Sonntag Mittag kommt Frau Biermann mit Lenchen. Dienstag Nachm. mein Memeler Schwager mit Frau. Abends sind wir bei General v. Voß. Pfingstsonnabend kommt die reizende Kindergärtnerin von der "Potsdam" mit ihrem Verlobten. Montag bis Mittwoch fahre ich allein zur Goethegesellschaft nach Weimar u. zu Kirmß.
Heut Nachm. war Frl. Wingeleit da. Ich sah sie noch bei der Heimkehr vom 10 Stundendienst in der Stadt. Sie ist wieder ganz munter.
Die Sache mit dem Oberkriegsgerichtsrat steht für mich gut, auch von Seiten des Luftfahrtministeriums und der Militärbehörde.
Was ist denn nun bei diesem vielen "Zutunhaben" und "Verpflichtetsein" der eigentliche Inhalt der Tage? Ausschließlich der direkte Universitätsdienst. Die Vorlesung über Gesch. d. Pädagogik 1700-1900 bleibt bei 50 Hörern. Die "Psychologie"
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| mit ca 220 (beides unerhört viel, aber für mich fast wie Einsamkeit wirkend.) Das Seminar über Geschichte der Volksschule kann nicht leben und nicht sterben. Ich habe den Eindruck: Historisches ist erledigt. Weltanschauliches sucht man, und man nimmt selbst Psychologie bei mir als Ersatz. Das alles macht enorm viel Arbeit, hat aber eigentlich garkeine Bedeutung. So werde ich in den Ferien zum so und so vielten Male die Ebene suchen müssen, auf der man heute noch stehen kann. Besser: die Arbeit, die für den Rest der sehr verbrauchten Kräfte noch lohnt.
Da ich das vorige Mal an die verkehrte Sparkasse geschickt habe, bitte ich Dich, mir doch die genaue Bezeichnung der richtigen noch einmal mitzuteilen.
Solange man in großen Aufgaben restlos aufgehen kann, ist der Codibal das einzig Richtige. Und ich habe das auch seit 1934 manchmal empfunden: man müßte ganz frei sein, aber auch für jeden
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| Verzicht sonst, was eben nicht mit dem Stil gelehrter Arbeit zusammentrifft. Da nun beim besten Willen auch für Kräftigere als mich "nichts zu machen" war, bin ich dankbar für die Bindung, die ich als Reichtum täglich fühle. Im "Letzten" wird mir dadurch nichts abgenommen. Denn wessen Kräfte trügen so weit? Wir vom Stil von uns dreien müssen unsrer Zeit fast "alles" schuldig bleiben, weil wir nicht "einzureihen" sind, niemand aber auch auf die schönste Weise "außer der Reihe tanzen" darf. Ich sinne Tag und Nacht darauf, wie man unter solchen Verhältnissen (und persönlichen Gegenspielern) sein Leben noch fruchtbar machen kann. Und gerade heut hatte ich einen Brief meines lieben japanischen Freundes Kuwaki, der fast ähnlich klingt. Er sagt wie ich: auch im völligen Schweigen würden wir uns gut verstehen. Nach diesem Mann habe ich eine sich immer steigernde Sehnsucht.

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28.V.38.
Wegen Stockholm hat sich nichts gerührt, und ich habe mich auch nicht gemeldet, weil ich mich nicht dazu drängen möchte, Propagandaredner für J. zu sein, weil ich im Semester eigentlich nicht die Kraft dazu habe und weil ich - warte, ob das Bild wirklich ankommt, das ja bisher die einzige offizielle Danksagung ist.
Ich klage mich an, daß ich Dir das Nippon-Heft noch nicht besorgt habe. Aber so bleibt vieles jetzt bei mir liegen. Es ist Heft 4 von Jahrgang 1936. Verlag Broermann Berlin Nro 7.
Vielen Dank für Deinen Bericht über den Besuch bei Kohlers. Ich habe mich gerade mit den landwirtschaftlichen Verhältnissen der Lehrer früherer Zeit zu beschäftigen gehabt.
Post von Belang kommt garnicht mehr. Auch die Gleichgesinnten untereinander schweigen. Ich möchte vor allem noch den Semester
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|schluß erreichen, um dann etwas für die "Regeneration" zu tun. So bin ich allenfalls dem laufenden, doch sehr zusammengeschrumpften Dienst gewachsen. In diesem Semester habe ich z. B. 1 Kanditaten (nämlich Christian Biermann) examiniert. Es ist an dieser ganzen Lebenslage etwas nicht in Ordnung. Aber sind die Personen ausschließlich schuld - oder auch der "Rassenkampf" (s. heute Rosenberg), in dem der Einzelne natürlich fast nichts bedeutet?
Ich hoffe, daß Dein Katarrh wieder fort ist und grüße Dich innig zum Sonntag. Susanne grüßt ebenfalls.
Stets Dein
Eduard.

[] Den ziemlich verlöschenden Edmund Hildebrandt habe ich besucht, - und nicht zu vergessen, die beiden Damen Gomies in Baumschulenweg. Das 2. Kind (Mädchen) macht leider einen sehr schwächlichen, ja leidenden Eindruck.