Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. Juni 1938 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 4. Juni 1938.
auch im Gedenken an den 3. Juni.
Mein innig Geliebtes!
Wenn Du den geplanten Pfingstausflug machst, wirst Du Diesen meinen Pfingstgruß erst am 3. Feiertag erhalten. Ich habe Dir inzwischen den Bolza (mit stillem Dank) zurückgesandt. Die Lektüre dieser klaren, vereinfachenden Abhandlung war mir sehr wertvoll. Ich werde sie mir kaufen und vielleicht auch 1 Exemplar nach Japan an Suzuki senden. Wenn Du mal Zeit hast, schreibe mir bitte trotzdem aus dem Anhang die Literaturangaben (mit Jahreszahlen) ab. Die Namen, auf die es mir ankommt, habe ich unterstrichen. Bolza konnte natürlich nicht alles in seinen Rahmen bringen. So findet sich z. B. in Hegels Religionsphilosophie (XI 212 der WW. Originalausg.) das gehaltvolle Zitat:
Das Auge, mit dem Gott mich sieht, ist das Auge mit dem ich ihn
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| sehe; mein Auge und sein Auge ist eins. In der Gerechtigkeit werde ich in Gott gewogen und er in mir. Wenn Gott nicht wäre, wäre ich nicht; wenn ich nicht wäre, so wäre er nicht. Dies ist jedoch nicht not zu wissen; denn es sind Dinge, die leicht mißverstanden werden und die nur im Begriff erfaßt werden können."
Der Aufsatz über "Volkstum" ist überhaupt noch nicht erschienen. Er sollte im Tschechischen Staatsverlag (!) in einer Nummer der (sudetendeutschen) "Pädagogischen Rundschau" herauskommen. Aber da hakt wohl etwas.
Die Zusammenkunft mit Litt war gehaltreich und konnte doch den Zwiespalt der Gefühle nicht klären, in dem man dauernd existiert. Sonntag Mittag waren Frau Biermann und Lenchen bei uns. Am Dienstag waren wir beim General v. Voß (Günthers u. Drechslers obersten Chef) eingeladen. Am Mittwoch war die Inanuma da und abends ging ich in die Mittwochsgesellschaft. Gestern habe
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| ich trotz Pfingsten noch volle Häuser gehabt. In der Psychologie ist es eigentlich wie in den besten Zeiten.
Mittags habe ich mit Günther in der Stadt gegessen. Er war auch in Heidelberg, hatte die Absicht, Dich zu besuchen, unterhielt sich stattdessen 2 Stunden mit K, der behauptet, keinen Verfolgungswahn zu haben und niemanden abgesucht zu haben. Susanne war zur Eröffnung einer japanischen Ausstellung in Schloß Niederschönhausen und nachher bei Borchardt. Es war schauderhaft kalt.
Im Hause wird für schweres Geld gestrichen, und die reiche Hausfrau läßt auch im Garten arbeiten. Der angekündigte Bruder mit Frau ist nicht gekommen; durch die üblichen Familienklatschereien ist das Verhältnis nicht gut.
Heut Mittag kommt die reizende Kindergärtnerin Schäßer von der Potsdam mit ihrem Verlobten. Montag früh fahre ich nach Weimar.
So schreibt man nun immer um das Wesentliche herum. Ott u. Luther sind bei Hitler gewesen. Den ersten habe ich nicht gesehen. Dafür habe ich den
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| Dr. Vogt aus Tokyo zufällig in der U.-Bahn getroffen. Seine Frau mußte gleich nach der Ankunft eine schwere Operation durchmachen.
Ein frz. Professor aus Nancy, großer Freund meiner "Lebensformen" hat mich besucht. Sonst aber herrscht große Stille. Die Post ist mal wieder so minimal, wie im August 1914. Trotzdem bin ich natürlich immer sehr in der Arbeit. Meine Augen sind nicht ganz in Ordnung. Spätestens im Juli werde ich dafür wohl mal etwas tun müssen.
Nachdem Berlin abgerissen ist, wird nun der Grunewald "normalisiert". Eigentlich dachte man, gerade einiges Heimatliche müsse nach irdischem Gesetz stehen bleiben. Aber das war auch ein Irrtum.
Das äußerlich Belangvolle ist wohl nun gesagt. Das Innere bleibt ungesagt aber verstanden. Wenn man nur nicht so müde wäre - durch all das Ungesagte.
Innige Wünsche u. Grüße
Dein
Eduard.

[Fuß] Vor 16 Jahren war auch gerade Pfingsten.
[li. Rand] Ich bin bis Mittwoch Mittag in Weimar, Hôtel Kaiserin Augusta.
[re. Rand] Kennst Du in Liebenstein eine Oberin Hadlich (nach Bericht von Borchardts Bruder.)