Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25./26. Juni 1938 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 25. Juni 1938.
Mein innig Geliebtes!
Die lange Pause in meinen Briefen ist nicht nur durch den ein wenig vermehrten Betrieb am Semesterabschluß bedingt, auch nicht nur durch Verdrießlichkeiten, die ich mit der "Erziehung" hatte und die ich nach Litts Rat nur als ein Wölkchen am Horizont zu nehmen bemüht bin, sondern durch eine allgemeine Umwölkung meines Daseins, mit der ich nicht fertig werde, solange die Semesterarbeit grundsätzliche Neuorientierung unmöglich macht. Der Fisch auf dem Sande - das ist das Bild, das sich mir immer wieder aufdrängt. Es braucht ja garkein alter oder müder Fisch zu sein. Aber er wird auf dem Sande notwendig müde. Darüber müßte in größerer Ruhe geredet werden als heut Abend, wo ich nur wieder, nach sudetendeutschem Muster, den Anschluß suche.
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Es bleibt also für heut nur ein Bericht über äußere Dinge, dem dann einmal mündlich oder schriftlich Inhaltvolleres folgen möge.
Weimar war "nett", aber nicht gerade überwältigend. Der Vortrag von Carossa feinsinnig u. sympathisch, sogar mit leisem Ton prophetisch. Aber die Dichter schaffen es ja nicht. Mein Freund W. z. B. steht nicht, sondern sitzt. Hedwig Koch u. Ulrike Scheidel (Nara) waren von mir geworben und mußten etwas betreut werden. Die erstere entfaltet sich immer prachtvoller in ihrer Art u. ihrem Kreise. Ich fand Kirmß geistig frisch, aber als Faust im letzten, vielleicht allerletzten Stadium. Ganz anders noch Planck, dessen feine und reine Seele zu fühlen ein Gnadengeschenk bleibt. Molo, Bertram, v. Münchhausen nur von ferne.
Seitdem webe ich am Schluß des Semesters mit einem Erfolg, der unter obwaltenden Umständen - aber nur unter diesen - Massenerfolg genannt werden könnte, und am 30.6.
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| wird dieses netteste Semester sein Ende nehmen. Die "Gesellschaft für d. Erz. u. Schulgeschichte" ist umgezogen in mein Seminar. Das machte unproduktive Umstände. Gäbe es das nicht, hätte ich fast gar keine Post mehr (oder nur noch Greisenbriefe wie von Weddigen, Plattensteiner u. a.) Es liegt, wie oft schon, etwas Schweres in der Luft.
Wir hatten einen Studententee von 20 Leuten (mit Ausländern) ohne Reiz. Cording aus Yokohama hat uns zweimal besucht, ebenso ein intelligenter jap. Professor. Ich hatte 6 Kandidaten bei den abschließenden Doktorprüfungen, unter denen nur ein Chinese ein Geist war. Gestern war das jährliche Stiftungsfest der "Staatwissenschaftl. Gesellschaft", bei dem ich einen Vortrag über Japan gehalten habe. Obwohl so etwas noch glückt, steht es doch irgendwie nicht nur außer der Zeit, sondern auch nur seltsam fern. "Es paßt nicht" - Herr Kollege. Wenkes
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| Weizen hingegen blüht erfreulichst und mit Recht, woraus sich dann für mich die sehr prekäre Nachfolgerfrage ergibt.
Ich muß damit dauernd rechnen, daß einer der beiden nächsten Fachkollegen mein aktiver Todfeind ist, und so etwas habe ich bisher nicht kennen gelernt.
Gestern ist "unser oesterreichisches Kind" angekommen, ein schmächtiges Menschlein von fast 11 Jahren, aber als 8jährig wirkend. Wir wollen dies Mägdlein pflegen und füttern. Vorläufig versteht es die Sprooch nicht. Aber es ist gut, solche Kinderchen mal aus der Nähe zu sehn und Verantwortung für sie zu tragen.
Dieser sog. Sommer wirkt auch depressiv. Ein Lichtblick war die Anwesenheit von Louvaris für St 2 Stunden, der nicht einmal mehr sagte "tout comme chez nous," sondern mieux comme chez nous. So erleben wir denn ein planetarisches Schicksal. Die Zeitgenossen des 30jährigen Krieges haben vermutlich nicht gewußt, daß es ein 30 jähriger Krieg war. [neben der Zeile] | Susanne mahnt zum Schluß.

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26.6.38.
Es sind schon allerhand Briefe eingetroffen, manche mit wehmütigen Ton, so Holzhausen. Ich muß jetzt oft daran denken, daß mein Vater seine Leistungsfähigkeit schon mit 58 Jahren verloren hat. Auch solche Lebenskurven können erblich sein.
Käte S. und Fei. denken an Fortreisen. Die erstere war gestern hier, beim zweiten war ich.
Ich bewundere immer wieder Deine Leistungsfähigkeit im Wandern. Auf den Dilsberg! Und über die Burgen bis Ziegelhausen! Da könnte ich jetzt nicht mehr mit. Hingegen scheinst Du Dich in den weiten Gefilden Deines Hauses recht unsicher zu bewegen. Vielleicht liegt es am Boden. Wo wäre er noch fest?
Dies ist nur ein vorläufiger Brief über res gestae. Die Pläne für die nächste Zeit folgen hoffentlich bald. Bis Donnerstag incl. ist noch Hochbetrieb.
Innige Wünsche und herzliche Grüße. Auch v. Susanne.
Dein
Eduard.

[li. Rand] Kotsuka kommt mit 30 Mann Jugend am 2.VII. in München an.