Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. Juli 1938 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 4. Juli 38.
Mein innig Geliebtes!
Schon gestern habe ich angesetzt, aber die 4 Blätter wieder verworfen. Ich bin in keiner günstigen Stimmung. Öffentliche Angriffe meines Todfeindes - ich kannte diesen Begriff bisher nicht - und tief erschütternde Charakterdokumente aus Kollegenkreisen haben mir den Anfang der Ferien vergällt, wozu noch das kam, was uns z. Z. vom allgemeinen Kurs entfernt. Bei mir zu Hause fehlt in solchen Zeiten immer die Ausdrucksfähigkeit, wohl kaum das Mitempfinden. Und es waren auch sonst Ärgernisse, die mir mehr als anderen, "Normalen", auf der Leber bleiben. Trotzdem muß ich Dir ja doch einmal schreiben, obwohl ich nicht all dies Zeug wiederkauen kann und möchte.
Ich danke Dir vor allem für
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| Ravensburg, wo wir hingingen, weil es zu schlechtes Wetter war, und wo wir die Gralsburg fanden. Glaube mir, das steht jetzt tiefer und fester in meinem Inneren als je. Madame Curie hat Susanne sich schon angeeignet. Ich bin durch wechselnde Augenverhältnisse am Lesen von Nicht-Dienstlichem z. Z. etwas behindert. Die beiliegenden Bilder haben nicht alte Lieb' heraufgebracht, sondern Zeitloses bestätigt.
Nun kurz für heut (da wir uns morgen mit dem Ehepaar Litt in Wittenberg - Wörlitz für den ganzen Tag treffen wollen): zum Geburtstag kamen etwa 85 Grüße. Persönlich nur Wingeleit, Rauhut, Gomies, Ludwig. Geschenke außer Blumen haben Gottlob aufgehört. Die Vorlesungen dieses schlechtesten Semesters habe ich mit gutem persönlichem Erfolg am 30.VI. geschlossen. Jeden Tag kommen
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| Besuche: hier nur eine Auswahl: Cording (Yokohama), Flitner, Johanna Kiehm (grüßt), Günther, Neffe Rutker (Gumbinnen) - Japaner, Chinesen, Perser, Sachsen u.s.w. Ein Familientreffen am Sonnabend in Jagdschloß-Stern zu 9 alten und jungen Leuten, darunter die 3 Schwestern, mißglückte halb, weil die Conradschwestern Ortsangaben nicht begreifen.
Wenke hat mit meiner Mithilfe in Frankfurt den Dr. habil. glücklich erworben und hat gute Aussicht, sofort nach Erlangen zu kommen. Dann bleibe ich in der Umzingelung zurück.
Irgend ein Trieb zum Schaffen, Erringen, Gestalten besteht nicht. Nietzsche sagt: "Was fällt, das soll man noch stoßen." 3 Leute von den höheren Schulen schrieben mir so, daß ich mit meiner Anhängerschaft noch reich erscheinen könnte. Aber alles wünscht: davon bis zum Punkt der Umkehr.
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L.s Schrift - ich muß sie Dir schicken, wenn Du sie noch nicht hast - hat einen enormen Erfolg. Der Todfeind als erster hat entsprechend reagiert. Das sind Vorfälle, die später niemand beachten wird. Im Augenblick sind sie ein Augenschmerz. Was mich betrifft, so bin ich garnicht in Form und Aktion. Erinnerst Du Dich an das Bahnhofsrestaurant in Schaftlach? Hätte ich dort reden können?
Das oesterreichische Würmchen ißt und spielt und hat einen Horizont wie ein Regenwurm - im äußeren. Im Inneren scheint es dank schlechter Psychologie der braven Mutter mehr gelitten und verstanden zu haben, als ihm gut ist. Das ist also auch so eine kleine Welt, an die man mit dem kleinen Finger nicht rühren darf. Ein bißchen Geistigeres wäre hübsch gewesen. Aber ich habe Susanne im voraus gesagt: "Wie Kinder sein sollen, darf man im voraus nie wünschen."
Schluß aus Müdigkeit und Distress.
Innigen Dank für alles Dein Eduard.