Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16./17. Juli 1938 (Berlin/Dahlem)


[1]
|
Dahlem, den 16. Juli 38
(gestern 99. Geburtstag meines Vaters.)
Mein innig Geliebtes!
Was in der Luft liegt, wissen wir wohl beide. Es gibt sehr viele, die es nicht wissen.
Eine innere Unaufgeschlossenheit für alles, was man sonst treibt, ist die Folge. Ich arbeite jeden Vormittag [über der Zeile] 5 St. an der Akademierede: "Wie erkennt man einen Nationalcharakter?", ohne viel Freude daran, daß sie einmal druckfertig werden könnte. Nachmittags, seltener abends, kommt irgend jemand, und abends wird dann noch 2 Stunden Gunnar Thiele korrigiert oder Korrespondenz erledigt. An 2 Abenden war Kotsuka hier, besonders das 2. Mal sehr aufgeschlossen und beseelt. Mit dem Neffen Rutker war ich im Völkermuseum und in der Internationalen Handwerksausstellung. Einmal verfehlte und traf sich die ganze Familie, buchstäblich 9 Köpfe hoch, im Jagdschloß Stern. Ein
[2]
| 2. Mal waren wir dort mit v. Glasenapps, Mutter u. Tochter. An einem anderen Nachm. hatte ich eine angenehme Begegnung mit Frau Dr. Morgan (New-York), hinterher mit S, dem oesterr. Gretel und Inge im Zoo, wo wir zufällig Willy Böhm trafen. Vorgestern haben wir mit dem Gretel eine Dampferfahrt auf der Havel gemacht, gestern Frau Maier, die eben aus Rom zurückgekehrt. Annelise und Frau Arnthal (im gleichen Hause) besucht. Heut sind wir mit Frankes nach Paulsbronn gegangen, - sie waren 10 Wochen verreist - und nun löst ein erfrischender nächtlicher Regen den qualvoll drückenden Tag, ohne jede drückende Qual zu lösen.
Auf wichtige Zeichen der Zeit möchte ich heut nicht mehr hindeuten. Nur noch einiges über die Pläne. Am 21.VII. spreche ich 2 Stunden im Ausländerkursus. Dann hoffe ich noch bis zum 4.VIII. hier durchzuhalten, wo voraussichtlich Kotsuka mit
[3]
| seiner Schar noch einmal nach Berlin kommt. Sobald er da war, möchten wir nach der Schweiz reisen. Sus. drängt nach dem Engadin. Ich widerspreche nicht, obwohl ich Sorge habe, ob dort Herzzustände auftreten. Sie sind in der letzten Zeit trotz schwerer Sorgen besser geworden. Wir wollen (vermutlich in Bergün) einen Übergang machen und dann nach Sils Maria. Na, wir werden ja sehen. Auf dem Hinwege über Heidelberg zu kommen, wäre schön und erwünscht, aber nicht rationell. Hingegen hege ich den Plan, daß wir uns an einem geeigneten Punkte des Schwarzwalds auf der Rückreise treffen und daß wir beiden dann ein bißchen zusammenbleiben. Davon haben wir mehr als von einer Durchreisebegegnung. Solltest Du aber wieder nach Rügen eingeladen sein, so würde ich anschließend daran nach Rügen kommen. Nur habe ich vermutlich am 8. September den 1. Vortrag auswärts, dem eine ganze Reihe folgen wird, was
[4]
| man heut als Zeichen einer überraschenden Lebenskraft des Patienten ansehen muß.
Am 3. Juli war Frl. Kiehm bei uns, am 5. trafen wir uns mit dem Ehepaar Litt auf einer Tour Wittenberg, Wörlitz, Dessau, die inhaltreich, obwohl nicht fröhlich war.
Das Gretel taut nun - nach 3 Wochen - allmählich auf und wird allmählich auch uns, sogar mir gegenüber, ein wenig fröhlich und gesprächig. Sein Geistlein erwacht hier und da, belebt durch gutes Essen, viel Schlaf und freundliche Gesichter (außer mir). Es könnte also nun anfangen, fruchtbar zu werden. Aber in 14 Tagen ist die Zeit um und es kehrt in seine gedrückte Welt zurück. Man sieht hieran: Wachsendes und Innerliches bedürfte der Zeit. Machst Du es anders, dann kriegst Du lauter unreife Pflaumen. Daran haben sich viele jetzt den Magen für immer verdorben.
[5]
|
Das Gretel mußte erst einmal gefüttert werden. Dann konnte man ihm ein paar geistige Fragen stellen. Zuletzt hat es sogar gelacht. Vielleicht würde es zu einem richtigen Liebhaben kommen können. Aber da bricht es nun ab. Der sehr viel größere, herzlichere Pest. mußte auch von Stans weg, als es eben anfangen wollte. Aber ihm wie uns blieb die Wahrheit nicht erspart: das Zarte, Innere will wachsen. Kein Unteroffizier kann dem Roggen gebieten, reif zu werden, ehe ......
Dies "ehe" ist sehr ernst. Wenn es nicht kommt, ist es fast ebenso schlimm, als wenn es kommt. Jedenfalls ist alles wie gelähmt, was "Fühlung" hat, vor dem Gewitter.
Susanne hat Madame Curie verschlungen, z. T. zu meinem Schaden, da sie dann wenig darauf bedacht ist, meinem Kopf etwas abzunehmen. Ich bin noch nicht dazugekommen. Denn wenn ich etwas ausarbeite, darf ich nichts von Belang lesen.
[6]
| Außerdem sind m. Augen unberechenbar, manchmal sehr empfindlich, und länger als 7 Stunden am Tage geht es eben jetzt nicht.
Am 20. August soll hier der neue Austauschprofessor Araki eintreffen, ein sehr vornehmer Nationalökonom, mit dessen Kreise ich 6 mal eine seminaristische Zusammenkunft gehabt habe. Sein Vater, der Maler, hat für uns ein Bild gemalt, das infolge der Faulheit der Lumpenbande am T.-Institut bis heut nicht gekommen ist. Anscheinend am gleichen Tage kommen Ishibashi, Hisada jr., u. Shimizu, drei Haradaleute, die nach westlichen Begriffen Kulturbummler sind. Wir sind Ihnen aber herzlich verbunden und sollten eigentlich zum Empfang hier sein. Das geht aber nicht. Und heute geht es eben auch nicht weiter. Dein Eduard.

[7]
|
17.VII.
Es ist besser, den Brief nicht zu verlängern, sondern abzuschicken. Gsellins hat den Litt auffallender Weise noch nicht geliefert. Er kommt dann mit Bälz zusammen und vielleicht einigen Geburtstagsbriefen. Die interessanteren, die sich häufen, behalte ich hier. Sollte Dir irgendwo die Zeitschrift "Weltanschauung und Schule" zugänglich sein (Ger. Bäumler), so wirst Du dort Interessantes über Litt und mich lesen.
Wie ist denn Frau Adele der Spaziergang bekommen? Bitte sage dem Vorstand vorläufig Dank für sein eigenhändiges Schreiben. Eben hatte ich lange Besprechung mit Wenke; nachm. kommt Frl. Lehmann, 76 Jahre - aus meines Vaters Geschäft.
Innigste Wünsche und Grüße
Dein
Eduard.

[Fuß] Ich bin mal wieder Pate geworden - in Hamburg.