Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. August 1938 (Sils-Maria)


[1]
|
Sils-Maria, den 15. August 38.
Mein innig Geliebtes!
Das ist ein ausgezeichneter Gedanke von Dir. Ich hatte ihn auch schon gehabt; aber manchmal hatte ich mit ausgezeichneten Gedanken kein Glück. Geh dann doch möglichst früh hin. Die Ferienkarte berechtigt, glaube ich, ohnehin erst am 7. Tage zur Rückfahrt. Es müßte andernfalls die Strecke Allensbach (oder Konstanz) bis Tuttlingen verfallen.
Aber wenn Du von unserem Kommen auf der Reichenau sprichst, dann mußt Du gleich einen plausiblen Grund sagen, weshalb wir nicht bleiben. Du weißt ja: die Insel bietet bei Sonne keinen Schatten, bei Regen keinen Schutz; die Schnaken und das andre Sommerpublikum ist auch nicht so sehr angenehm. So gern ich dort mir Dir wäre, so doch nicht in dieser Jahreszeit.
[2]
|
Dann ist aber noch viel Technisches zu erledigen. Beuron denke ich mir als Wiesental mit Waldrändern, guten Klostergasthöfen, wenigen Spaziergängen, aber Möglichkeit zu kleinen Eisenbahnausflügen etc. Wenn es nicht ratsam ist (?) - was dann? Vielleicht Villingen - Waldhôtel als Abstecher von Rottweil oder von Immendingen aus? Aber wie ist das Hôtel jetzt? Ich fürchte, es liegt zu einsam. Heiligenberg? Da gibt es kein Unterkommen u. kaum eine Zeitung.
Ferner: da wir keinen deutschen Fahrplan haben, stelle doch folgendes fest: Wenn man mit einem Schnellzug um ca 9 von Zürich abfährt, hat man dann in Singen ½ Stunde Aufenthalt, ehe der Zug nach Allensbach geht? Dort auf dem Postamt liegen nämlich noch 77 M von mir. Die muß ich abheben; es ist vorläufig mein einziges deutsches Geld. Weiteres lasse ich an Dich nach der Reichenau postlagernd (Paß!) senden, sobald es feststeht,
[3]
| daß Du dort bist.
Man wird Frommherzens kaum zumuten können, daß sie auch uns beide für 1 Nacht unterbringen. Das gibt nun viel Überlegen wegen des Gepäcks. Wenn wir die 3 Koffer in Allensbach lassen, können wir mit 2 Handtaschen ebensowohl in Mittelzell wie in Konstanz übernachten. Aber im letzteren Fall müßtest Du dann in Allensbach auch noch unsre 3 Koffer in den Personenzug Konstanz - Singen bugsieren lassen. Flesch muß besucht werden. Binswanger müßte telephonisch wenigstens für 1 Stunde hingebeten werden. Da scheint es besser, am 2. Tage erst mittags abzureisen oder aber Binswanger erst am 2. Tage in Konstanz oder Reichenau zu treffen (wenn überhaupt.) Um das alles ein bißchen organisieren zu können, wäre mir ein Auszug aus dem Fahrplan Singen - Konstanz erwünscht, und die Hauptzüge Singen - Tuttlingen. Viel Mühe für Dich. -
Der tragische Fall in der Familie Schwalbe hat auch mich erschüttert. Im ersten Fall handelte es sich doch wohl um die Tochter?
[4]
|
Es geht mir hier eigentlich garnicht nach Wunsch. Dies ist mir um so unangenehmer, als Susanne vielleicht annimmt, es sei nur Rechthaberei, weil ich im voraus etwas skeptisch war. Obwohl wir kaum mehr als 200 m jeden Tag gestiegen sind, leide ich am Gaps, auch nachts, manchmal mit Herzklopfen. Aus einem Artikel zum gerade jetzt tagenden Physiologenkongreß (Zürich) über Höhenphysiologie entnahm ich, daß daran der Sauerstoffmangel schuld sein soll; es folge dann die Akklimatisierung (die ich aber wohl nicht abwarten kann). Eben lese ich im Führer von Sils, die medizinische Fachpresse schreibe zu Unrecht über die "Engadiner Angina (pectoris doch wohl.)" Ich habe sie also zu Unrecht.
Susanne ist um 8 auf die Berge losgezogen; ich gehe um 9 mit Hegel (Hermanns Dir geschenktem altem Exemplar) auf die Chasté.
Sieh Dir übrigens mal auf dem Atlas die Lage der Thaya, noch besser von Waidhofen an der Thaya, an und überlege, warum das Gretel nicht abtransportiert worden ist.
Die Gewitterneigung hält an - nimmt zu. Um so mehr innigste Grüße u. auf gutes Wiedersehen!
Dein klappriger
Eduard.