Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21./22. September 1938 (Berlin)


[1]
|
21.9.38.
Mein innig Geliebtes!
Die atemraubende Gratwanderung der vorigen Woche ist beendet, oder mindestens unterbrochen. Da man aufs Ungewöhnlichste schon eingestellt ist, sieht man den möglichen Ereignissen mit einem Gleichmut entgegen, der vermutlich am Realen sofort zerbrechen würde. Ich habe wenig Trieb zur Arbeit gehabt, aber in der halben Lässigkeit ganz gegen meine Gewohnheit das Leben sogar ein wenig - genossen. Die Herz- und Atemgeschichten sind ausgeblieben, gleichviel ob das Sympatol daran schuld ist oder nicht. Die Ermüdbarkeit ist allerdings so, daß der Abend für die Arbeit fast ganz fortfällt.
[2]
|
Außer zwei amüsanten Luftschutznachmittagen haben wir mit Frankes den üblichen Spaziergang gemacht, Besuch von Frl. Dr. Siemering, Elsbeth Knoche, Wenke gehabt und Besuche bei Fei, Oger, Laporte, Schmidt-Otts (mit anschließender Autospazierfahrt) gemacht.
Meine einzige Leistung war der Vortrag für das Humanistische Gymnasium in Zwickau am 15.IX. Ich kam dort in einen Kreis netter Leute, die nur alle anders herum dachten als man es sonst findet, und es war ganz amüsant, nun anders herum mitzudenken. Sie haben übrigens bisher recht behalten. Es waren zu erheblichem Teil - Mediziner. Mein Vortrag zündete sehr. Reden kann ich noch. Denken leider nur sehr mangel
[3]
|haft. Am 16. früh fuhr ich nach Leipzig, zunächst zu Litts. Vorm. besuchte ich den alten, sehr gealterten (75 J.) Geheimrat Richard Schmidt, der mir immer ein treuer Freund geblieben ist, nachm. mit Litt die nette Frau Dr. Günther in Cröbern die sich unbändig freute und sich auch Deiner vom 27.6.32 her erinnerte. Die Wege in und um Leipzig machte ich wie der Mönch v. Heisterbach.
Während ich fort war, hatte Susanne tatkräftig einen japanischen Abend für den 17. vorbereitet. Eingeladen waren Ishibashi, Tets. Hisada, Shimizu (cf. Harada-Reisebroschüre) und der feine Austauschprofessor Araki¹) [Fuß] ¹) Das Bild v. s. Vater war nach vielen Reklamationen 3 Tage vorher eingetroffen u. gerade aufgehängt., ferner der ehemal. Austauschstudent Zahl und Wenke. Dieser Abend - bei echtem
[4]
| Sake verlief so reizvoll wie selten etwas. Wir waren wirklich vereint wie in Japan, und es tut mir leid, daß die Dr. med. Becker in Tokyo in Ishibashi immer nur den Schieber sieht, nie den hochbegabten, amüsanten Vermittler (er ist nämlich von Beruf - Kinderarzt.) Am Sonntag 18. früh erschienen unerwartet die beiden Trautz, und es gab wieder Sake. Nach dem Kaffeebesuch der graziösen Elsbeth Knoche fuhren wir noch zu den Potsdamern, die uns zum Abendbrot eingeladen hatten. Unter den Besuchern habe ich Marta Wais noch nicht erwähnt, deren Silvia mich mit ihrer stillen Grazie sehr entzückte.
In den letzten Tagen drehte sich alles um Mariannes, der Schwerhörigen, Berufswahl. Ich stökerte etwas dazwischen, u. heute nachm. begleitete ich Mutter u. Tochter in eine Ausbildungsstätte
[5]
| für technisch-medizinische Laborantinnen. Offen gestanden habe ich weder zur Leiterin ein (Leistungs)vertrauen, noch zu Marianne das entsprechende. Aber man muß froh sein, wenn das arme benachteiligte Ding in einem kleinen Kreise etwas lernen kann.
Mit Fei habe ich gestern eingehend gesprochen über das von mir in Z. Angebahnte. Frau Trautz ist Schwägerin von Gruber, dem Reichenauarchitekten, der sich jetzt in Wangen anbaut. Sie kennt auch Prof. Christ.
Nach dieser Schilderung könntest Du nun denken, wir lebten außerhalb der Welt. Aber m. Untätigkeit hängt auch mit der eingehenden u. sorgfältigen Lektüre der Times zusammen u. eigentlich mit atemloser Spannung. Ich lese ferner ein großes Buch über die Mandschurei von einem Mann, den wir in Tokyo kennen gelernt haben.
[6]
| Kotsuka den Vielgereisten haben wir heut Mittag noch vergeblich erwartet. Morgen beteilige ich mich an einem tierpsychologischen Kongreß, abends kommt ein Inder, am Sonnabend Prof Sakazaki, am Montag Potsdam mit Araki - in dulci jubilo, wie es scheint. Und doch wird mir beim großen Gang der Dinge sehr unheimlich. Sollte Böhmen doch ein zweites Spanien werden, und dann mit sehr viel mehr volunteers von ringsum?? Das Exempel geht doch in keinem Fall in geraden Zahlen auf.
Das vorletzte Heft der Ztsch. f. Gesch. d. Erziehung u. d. Unterrichts, die Wallner redigiert, bringt etwas über die Schule des Walafried auf der Reichenau. Ich habe dorthin nicht geschrieben u. fühle eigentlich auch keine sehr dringende Verpflichtung.
Deine Bilder sind recht gut, z. T. besser als die Objekte. Es ist doch immer hübsch - dieser stille See hinter den Gestalten der Lebenden, noch Lebenden. Denn wir stehen ja nur - am Anfang des Dramas, und die "anderen" <re. Rand> kommen vielleicht erst - zum letzten Akt.

22.9.   Ich schließe mit innigen Grüßen
Dein Eduard.

[re. Ecke] Susanne grüßt ebenfalls.