Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. Oktober 1938 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 6. Oktober 1938.
Mein innig Geliebtes!
In all diesen Tagen hätte man sich wohl viel schreiben sollen und auch mögen. Aber man "wartete" immer nur, teils atemlos, teils apathisch; man las die Zeitungen und versuchte zu deuten, was doch immer nur fragmentarisch gelang. Nun ist es entschieden, und wir wollen uns freuen.
Eine große Freude hast Du mir mit dem schönen Bilde gemacht. Es erinnert in der Konzeption und Ausführung an Verwandtes aus den ersten schönen Zeiten auf der Reichenau. Aber es ist buchstäblich "von einer neuen Plattform" aus gesehen, und der Blick geht - indem ich Deine Worte aufnehme - auf den Gnadensee. Indem ich Dir innigst danke, möchte ich auch erwähnen, daß nun endlich das Fujibild von Araki angekommen ist. Mit seinem Sohn werden wir in 1 Stunde nach Potsdam fahren.
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Vom 17. bis 30. September bin ich nicht so fleißig gewesen, wie es nötig gewesen wäre. Aber es ging den meisten Leuten so. Man suchte immer nach Aussprache. Wir hatten Begegnungen mit Oger, Werner Richter, Meinecke, den Potsdamern, Hedwig Koch [über der Zeile] Hans Günther und manchen anderen.
Mit der Nationalcharakterologie bin ich nicht vorwärts gekommen. Ich nahm dann Hegels Phil. d. Weltgeschichte vor und las davon ca. 700 Seiten, womit für das Hauptseminar im Winter gesorgt ist. Außerdem schrieb ich 34 Seiten über "Hegel über Sokrates". Das soll schon die Unterlage für den Akademievortrag am 1.XII. sein, muß aber wohl leider in eine Festschrift für Prof. Boreas (Athen) kommen. Die Hegellektüre war fruchtbar, weil H. immer eine Theodicee der Geschichte versucht. Nun wohl, die Geschichte vollendet ihre großen Resultate, indem sie über kleine Völker und Menschen hinweggeht.
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Einen halben Tag war ich bei einem wenig schönen Kongreß für Tierpsychologie. Bald danach besuchten mich Hans Volkelt und der seltsame Erich Jaensch. Warum die so stöhnen??
In den herrlichen Sonnentagen haben wir noch einen schönen Weg gemacht: Kladow, Krampnitz, Römerschanze, Meierei. Jetzt haben wir gelegentlich schon geheizt.
Abends.
Wir waren heut im Schloß des philosophischen Königs mit der fest zugreifenden Hand. Goethe hat von dem Dämonischen gesprochen. Er siegt kraft inkalkulabler, inkommensurabler Kräfte. Er ist natürlich solchen auch ausgesetzt. Aber vorläufig geht es noch magisch zu. Ich halte alles nur für ein adjournment.
Herzlichen Dank für Deine lieben Zeilen vom 30.IX. Es scheint nun schnell Herbst zu werden. Mitten in unsre Potsdamfahrt kam ein kalter Regen, ähnlich wie wir es Anfang dieses
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| Jahres zwischen Meierei und Glieniker Brücke seerauh hatten, was mir dann wochenlang zu schaffen machte.
Susanne geht eben noch zum Kasten mit Dingen, die wieder aus der Fatalitätenkisten kommen. Diesmal ist es die Leibnizausgabe. Meine Akten (von 1934/6) sind klar und einwandfrei. Leider aber ist das ganze Unternehmen ein wunder Punkt, für den sich jetzt anscheinend die bekannte Gruppe interessiert. - Sie soll diese inhaltlosen Zeilen noch mitnehmen, die Dir mindestens ein Zeichen meines steten innigen Gedenkens sein werden.
Für spätere Vorträge lese ich am Ende des Tages jetzt die "Wanderjahre". Darin ist aber wirklich vieles Edelkitsch, ganz anders als in Faust II, wo jedes Wort mit Platinstift gestochen.
Herzliche Grüße
Dein
Eduard.