Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19./20. Oktober 1938 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 19. Oktober 38.
Mein innig Geliebtes!
Es will mit dem Briefschreiben nicht so recht gehen. Abgesehen von anderen bewegenden Gründen ist da ein Gesamtzustand, den man bei der Börse "lustlos" nennt. Ich arbeite zwar jeden Tag; aber es kommen im Durchschnitt nicht mehr als 6 Stunden heraus, und eigentlich will nichts Besseres gelingen. Ein halbes Dutzend kleiner Aufsätze ist in 4 Monaten geschrieben. Aber das "Hauptgeschäft", wie der alte Goethe den "Faust" nannte, - und bei mir ist es nun die Nationalcharakterologie - will nicht vorwärtskommen. Das Schlimmste aber ist: es liegt weniger an der Schwierigkeit der Sache als
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| an der Abnahme meiner Kräfte und am Versagen meiner Begabung, der es an dem frischen Schwung fehlt, wie er früher da war. Und gute Einfälle sind bekanntlich mehr wert als treuer Fleiß. Es fällt mir nichts ein, das ist das Elend.
Wenn nun bei vielem Lesen und vielem Rauchen doch nichts zustande kommt als ein paar - Schattenrißchen, dann ist der fast tägliche Wechsel der Geselligkeit auch keine Auffrischung, sondern eine Bestätigung der Leere. Wir waren mit Araki - recht nett - in Potsdam, zweimal mit Frankes auf Kaffeespaziergängen, einmal waren Richters bei uns (früher Unter den Linden 4), mehrfach Marianne, einmal Sabine. Ich war zu einer
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| Besprechung in Sachen der Fröbelausgabe in Naumburg und bin im Anschluß daran mit Litt im Rosenthal spazieren gegangen. Gestern besuchte mich der Dr. Jacob Steiger und heute hatten wir ihn zu Mittag mit anschließendem Grunewaldspaziergang. Er wird wohl bald auch bei Dir auftauchen. Den Sonntagsbesuch von Imhülsens und die recht enttäuschende Kaffeevisite von Morgners habe ich zu erwähnen vergessen.
Die Hände strecken sich nun auch nach der Akademie aus, und neben der Hauptaktion ging sogleich eine auf den unbestreitbar schwachen Punkt: die Leibnizausgabe. Wenke scheint in Erlangen mit Aussicht auf ein Ordinariat untergebracht. Ich muß mir schleunigst einen Vertreter suchen, und gleichzeitig scheidet
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| die Schreibhilfe Ladendorff, ohne daß ein Ersatz sichtbar wäre. Denn Frl. Hohenadel ist nach Freiburg übergesiedelt.
Was man sich nun sonst noch über Wien und Salzburg und London erzählen möchte, das bleibt besser einem späteren Brief vorbehalten. Denn es scheint mir unrecht, unsren Zeitungen vorzugreifen.
Aus Deinen lieben Brief vom 14.X. ersehe ich, daß Du auch Deine Verdrießlichkeiten hattest. Hingegen hat mich der Brief von Bolza, den ich zurücksende, gefreut. Er hat natürlich recht; aber es ist noch nicht so weit. Er möge doch aber nicht unterschätzen, was schon heute der nunmehr etablierte südöstliche Wirtschaftsraum bedeutet. Denn Ungarn, Tschechei, Jugoslavien, Türkei, Bulgarien sind doch schon Annexe von uns. Griechenland und
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| Polen halb. Ein unklarer Faktor ist immer noch Italien. Aber falls man es hinzurechnen darf, dann haben wir schon mehr als das Mitteleuropa, von dem im Weltkriege Naumann geschrieben hat. Daß der Kern wirklich auf dem N-Prinzip aufgebaut ist, vermehrt die Kraft. Im übrigen wird niemand glauben, daß Dinge, die uns in den letzten Wochen aufgeregt haben, diesem Prinzip allein entsprangen. Das ist der sentimental-populäre Mantel, den man sich in der kühlen Jahreszeit umhängt.
Mit Betrübnis höre ich, daß Frau General Mat thy gestorben ist. Ich habe sie höchstens einmal flüchtig gesehen, aber doch indirekt viel von dem Geist ihres Hauses erfahren.
Von Felizitas höre ich nichts, obwohl
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| sie jetzt doch wohl Zeit hätte zu schreiben. Vielleicht fürchtet sie die "Abrechnung" (??)
Ich treibe so vieles durcheinander, daß das Gedächtnis nicht ausreicht. Auch sind meine Augen sehr ermüdbar geworden. Wie soll man zu einer festen Linie der Arbeit kommen? Selbst dem Semester sehe ich mit Grauen entgegen. Denn nun sind auch noch die paar Ausländer fort. Jedes Geschäft, das man treibt, stößt irgendwo gegen fatale Grenzen. "Doch fühl' ich - bei dem besten Willen Befriedigung nicht mehr aus dem Busen quillen". Das ist natürlich wieder falsch zitiert. Aber eben dies ist charakteristisch: ich habe nicht den élan, aufzustehen und nachzusehen. So ist es in wichtigeren Dingen immer.
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Und dieser Verlust an inneren Kraftreserven ist eigentlich das Bedenkliche.
Heute kam seit Wochen zum 1. Mal die Times nicht. Das ist weniger auffällig als daß sie seit Wochen immer kam.
Penck hat in Mittenwald seinen 80. Geburtstag gefeiert und die Lampert, die dabei war, hat mir eine Karte geschrieben. Der Schwiegersohn ist Professor in Prag. Von dem dortigen Rektor Otto haben wir nur schwer deutbare Nachrichten.
Morgen nur ein kurzes Nachwort.
Gute Nacht!
Dein
Eduard.

Es ist nichts von Belang hinzuzufügen. Morgen wollen wir den letzten Ferientag machen: Freienwalde in Herbstfärbung, vielleicht mit Frankes. Hoffentlich hast Du auch noch ein paar schöne Stunden draußen. Innige Grüße Dein Eduard. Natürlich grüßt Susanne herzlich.