Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. November 1938 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 6. Nov. 1938.
Mein innig Geliebtes!
Wenn die Schreibpause nicht zu groß werden soll und Deine beiden lieben, mich in manchem tief berührenden Briefe nicht eben wegen dieser Tiefe lange unbeantwortet bleiben sollen, dann mußt Du heute mit einem konfusen Tatsachenbericht vorlieb nehmen. Denn in den nächsten Tagen ist wenig Aussicht auf Gelegenheit zur Sammlung. Pünktlich mit Semesterbeginn ist nämlich eine Vielgeschäftigkeit ausgebrochen, die fast sinnlos scheint gegenüber der geschäftlichen Totenstille in den 4 Ferienmonaten. Doch hängt dies leider garnicht mit irgend einer Blüte des Universitätslebens zusammen.
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Freitag, den 28.X besichtigte die Staatswissenschaftliche Gesellschaft auf Einladung ihres derzeitigen Vorsitzenden Generalleutnant Quade die von ihm geleitete Luftfahrakademie Gatow. Das war recht interessant und gesellig belebt - kostete aber ⅔ des Tages. Am Sonnabend hatte ich die erste Semestersprechstunde. Es kamen 7 Leute zu den Übungen, darunter nicht 1 regulärer Student. Ausländer, alte Herren u. Damen. Sonntag war Frl. Besser bei uns. Dienstag war die 2. Sprechstunde, ebenfalls mit trübem Erfolg.
Montag fand der 1. Vortragsabend der Ortvereinigung¹) [Fuß] ¹) "Ortsgruppe" ist verboten! Berlin der Goethe-Gesellschaft statt: Geheimrat Zilcher, "Goethe u. die Musik." Der Erfolg war ganz hübsch,
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| die späte Geselligkeit etwas angreifend. Zu Dienstag war ich am Tage vorher ganz plötzlich zur Kronprinzessin eingeladen (Cecilienhof). Dort hielt Lietzmann einen Vortrag. Wider Erwarten von Döring zur Diskussionsäußerung genötigt, sagte ich ein paar Worte, die den anwesenden Theologen sehr imponierten. K. H. sprach auch ein paar Worte separatim mit mir und war wie immer sehr nett. Mit Susannes Jugendfreundin geb. Dr. Ruth v. Krenski (jetzt Frau Nolte mit 8 Kindern, aber jugendlich schön) kam ich im Auto ihres Gatten wenigstens bis Westend. Ich soll im Januar auch im Cecilienhof sprechen. (Feldpropst Doormann, Hindenburgs Bestattungsredner in Tannenberg, ebenfalls sehr einverstanden mit mir.) Donnerstag begann die Vorlesung mit ca 120 Leuten. Das gilt heute als viel. Aber es ist eine allzu bunte Gesellschaft (Chinesinnen sogar!) Mittags Habilitationskollo
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|quium mit Protégé von Bäumler. Aufregende Situation bei dieser Todfeindschaft. Der Betreffende schnitt bei Hartmann u. mir recht schlecht ab und lieferte den Schulfall eines sokratischen Gesprächs, insofern d er, aufgefordert, die artgemäße Philosophie zu kennzeichnen, durch den Wahrheitsgeist immer von ihr abgetrieben wurde und allerhand Zeug herumredete, das niemand verstehen u. billigen konnte. Allgemeine Negation, die ich ja wohl im V.B. zu büßen haben werde. Besuch bei Frl. Wingeleit, nachm. Akademie, die in der Umbildung ist. (Juden raus!) Leibnizausgabe wie erwartet im Krisenpunkt. Freitag Nachm. Beginn des Seminars mit plötzlich 25 Leuten, die aber so heterogen sind - noch immer kaum ein deutscher Student - daß ich nicht viel hoffen kann.
Sonnabend Vorm. Universitätsstiftungsfeier.
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| Teilnahme als Dienst befohlen. Formen anständig. Wieder eine wissenschaftliche Rede - vom Mediziner Siebeck. Abends Einladung v. Petersen ins Harnackhaus zur Feier seines 60. Geburtstages. Über 100 Leute. Viel lautes Reden. Meine Nachbarin Tochter von Graf Posadowsky. Also der 3. späte Abend der Woche. (Für die Gratulation der Ortsvereinigung Berlin der G.G. hatte ich ein Gedicht gemacht u. schön schreiben lassen.)
In dieser vergangenen Woche hat Wenke in Erlangen mit Erfolg seine öffentliche Lehrprobe gehalten. Übermorgen tritt er seine Tätigkeit dort quasi als Ordinarius an. Ich "hoffe", zur Vertretung den SS. Mann Dr. Plötz zu bekommen, der bei mir promoviert hat. "Kein vollwertiger Ersatz". Die Schreibhilfe Ladendorff ist ganz zu Sauerbruch übergesiedelt. Ich habe eine
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| gute Nachfolgerin in der Person von Flora Imhülsen, seit 3 Monaten Frau m. Neffen Wolfgang Imhülsen.
Heute Vorm. war Wolfgang Bruhn (Phil. Abend Klösterli) mit s. Frau¹) [li. Rand] ¹) geb. Rubner med. bei uns. Nachm. Teeempfang zur Erinnerung an das Kominternabkommen zw. Italien u. Japan. Riesenmenge im Kaiserhof. Viele bekannte Japaner, auch sonst allerhand Leute. Dabei hörte ich vom Admiral Förster, daß der neue Botschafter General Oshima bittet, ich möchte bei der Eröffnung einer Japanisch-deutschen Zweiggesellschaft in Wien Anfang Dezember mitwirken. Ehrenvoll - aber: ich habe plötzlich maßlos zu tun. Ausgerechnet am 1. Semestertage kam eine faule Diss. über ein schweres Hegelthema, die ich selbst werde machen
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| müssen. Übermorgen beginnt ein Fachausbildungskursus für Luftschutz, 5 Wochen lang je 2 Abende je 2 Stunden - erwünscht, weil ich dann die Fakultätssitzungen absagen kann. Und auch sonst sind im Winter viel Sondervorträge, die Arbeit erfordern. -
Was nun Deine ständige Sorge um meine Briefe betrifft, so bin ich allen Ernstes der Meinung, man müsse das in Gottes Hand stellen und nicht zu vorsichtig sein wollen. Falls überhaupt, so fallen Bomben früher in Berlin als in Rohrbach. Franzosen haben kein Interesse an deutschen Manuskripten am Neckar, um so mehr vielleicht Deutsche bei einem "Prominenten" an der Spree. Wenn jetzt "etwas" kommt, dann schwerlich von außen. Es ist und bleibt mir unerwünscht, was Dir lebendig gehört, bei mir als "Archiv" zu haben. Eine zweckmäßige Maßnahme
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| wird es sein, wenn Du ausdrücklich über den Aufbewahrungsort testierst.
Nun wäre zwar noch manches andere in Deinen lieben Briefen zu beantworten und von hier zu berichten. Aber die Hälfte kann mehr sein als das Ganze. Ich will diesen Brief schon heute in den Umschlag stecken, damit Du überhaupt ein Lebenszeichen bekommst.
Susanne, die gestern unter den Professorenfrauen (neben dem Dichter und Saufbold Wolfgang Götz) eine sehr anziehende schlichte Figur machte, grüßt Dich herzlich.
Ich selbst bin etwas unter dem Druck der Vorstellung, wie nun plötzlich alles in die begrenzte Zeit hinein soll. Denn die Gegenstände meiner Universitätsdarbietungen sind alle schwer. Ich grüße Dich in inniger Liebe u. Treue.
Dein
Eduard.

[re. Rand] Es sind jetzt 4 kleine Arbeiten von mir in Druck oder in der Vollendung - ganz verschiedene Gebiete.
Ein Serbe hat uns einen schönen Teppich geschenkt.

[Kopf] Tomoedas Sohn war sehr lustig bei uns.
[li. Rand] Zahnarztrechnung für uns beide 150 M - wenig angenehm.
[Fuß] Die alte Excellenz Irizawa schreibt recht traurig über ihre Gesundheit (Adele)