Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Dezember 1938 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 16. Dezember 38.
10 ¼ abends
Mein innig Geliebtes!
Man braucht sich ja wohl nicht zu sagen, daß der Weg ins Weihnachts"fest", der schon oft so schwer war, niemals schwerer, ja unmöglicher gewesen ist als diesmal. Ob die äußere Hülle des Lebens und Schaffens immer so sinnlos gewesen ist wie jetzt - oder ob nur der Alternde es bemerkt? Es ist fast gleichgiltig: denn so mag man es einfach nicht.
Über die äußeren Ereignisse bist Du durch m. Karte in der Hauptsache unterrichtet. Es fehlt nur die Mitteilung, daß ich nicht zu einem Ersatz für Wenke kommen kann. Der SS. Mann, den ich vorgeschlagen hatte, fand natürlich die übliche Verfolgung von seiten des Todfeindes. Augenblicklich
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| sind beide "Stellen" dabei, sich über diese Bagatelle feindlich zu verbeißen, was mir recht sein könnte, wenn nicht mein kl. Betrieb weitergehen müßte. Die stärkere, allzustarke Stelle ist - nicht für mich, aber für ihren Mann. Sie wird siegen; ob auch ich, ist eine zweite Frage. Inzwischen wird nun auch schärfste Attacke gegen die Ak. geritten. Alles enthüllt sich mit einer Eindeutigkeit, die demjenigen recht sein könnte, der als einer der wenigen schon damals alles gerochen hat.
Wir können uns nicht von 3000 Jahren Rechenschaft geben, sondern müssen von Tag zu Tage leben. Da wird es Dich, obwohl es nicht ungefährlich ist, freuen zu hören, daß das Hegelseminar von tiefster Wirkung ist. Jeden Freitag haben sich in den gequetscht vollen Raum noch ein paar Leute mehr hineingezwängt. Es sind alle
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| Nationen, muß man sagen, die hier überhaupt vertreten sind [über der Zeile] (im ganzen 50!). Das kleine Fröbelseminar, das mit 8 anfing, hat es auf 20 gebracht. Die Vorlesung, die mir auf Grund vieler Mühe gut gelingt, nimmt nicht zu, aber sie hält sich trotz aller offiziellen Belanglosigkeit gut durch (80-100.) Das ist für mich ja eine traurig geringe Zahl.
Durch meinen Japanvortrag am 5.XII. bin ich mit dem ehemal. Botschafter bei Franco, Faupel, in Verbindung gekommen. Er hatte mich am Mittwoch in ganz kleinem Kreise zum Frühstück in den Ratskeller eingeladen, und mein Eindruck war überraschend gut. Nun bitte ich Dich aber: was hat unsre gelehrte Propaganda im Auslande noch für einen Sinn?? - Er zeigte mir ein Schreiben des Chefs im Amt von Bohle, das meinen (nicht gehörten) Vortrag aufs höchste lobte. So gewinnt man Geländerknöpfe. Ob es richtig ist, die Treppe hinabzugehen, ist fraglich. Man könnte sie aber auch fallen. Es bleibt nichts,
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| als sich auf anständige Art da festzuhalten, wo es sich ungesucht bietet. Denn eines Tages braucht man Leute, die - nicht auf den Kopf gefallen sind. Schwer in jedem einzelnen Schritt!! Viel lieber zöge man sich zurück.
Ich werde mich morgen - leider vermutlich bei einer Kälte, die das Sprechen im Freien nicht ratsam macht, mit dem Leipziger Freunde in Roßlau treffen und nach Dessau gehen. Man muß einmal reden können, obwohl die Fahrt nicht billig ist. Susanne hat gestern die trübe Fahrt ins Silberbergwerk gemacht. Die Veilchen sind Gottseidank aufgeblüht. Ein schwerer Kummer bleibt Pankow.
Obwohl man nichts tut, ist man jeden Tag von innerer Spannung u. Gegenwehr ganz aufgerieben, besonders gestern, wo im Vordergrunde manches Kritische gut ging, das natürlich hinten herum nachher zerstört wird. O gäbe es Ausrufe, Taten, die erleichtern könnten!
Ich bin von dieser Woche sehr müde und schließe mit innigen Grüßen. Viel treue Wünsche!
Dein Eduard.