Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Dezember 1938 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 29.XII.38.
Mein innig Geliebtes!
Das natürliche Vermissen in den Festtagen wird ein wenig gemildert durch die Berichte derer, die gereist sind und in - manchmal ungeheizten Wagen - auf selbst kurze Strecken 3-5 Stunden Verspätung hatten. Früher sagte man: Da muß wohl an der Leitung etwas nicht in Ordnung sein.
Deine liebe Sendung und Dein lieber Brief kamen am 1. Feiertag. Die Christrosen haben wir nach Anweisung behandelt. Sie haben sich erholt und haben das kostbare Glas eingeweiht, das ich mit Dank und Pietät entgegennehme. Susanne hat sich über ihren Anteil auch sehr gefreut. Mit der Feder, die bei mir Rekorde leistet, kommt sie langsamer nach. Schon zu Weihnachten sind ganze Stöße eingetroffen von Grüßen u. Glückwünschen. Am 1. Feiertag
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| habe ich gleich 30 erwidert. Aber eben kam wieder Sibirienpost und anderes - man ist noch nicht vergessen. Wer soll das aber schaffen.
Am 23.XII. das serbische Ehepaar Najdanowič - sehr angenehm. Am Heiligen Abend alle Hausgenossen und Frl. Wingeleit. [neben der Zeile] } wohltuend, nicht Strasensch Die kleine Kirche war überfüllt. In der großen fanden wir letzte Plätze. Stimmung bleiern, niedergeschlagen. In Dahlem waren an diesem Abend 4 vollbesuchte Gottesdienste. Am 1. Feiertag nur Wenke zu Mittag. Das Assistentenproblem bleibt immer noch ungelöst u. infolge eines Fehlers, den P. gemacht zu haben scheint, nicht allzu aussichtsreich. Am 2. Feiertag Besuch von Oger, der mir betr. meiner drückenden Grundsteuer sehr gut geraten hat. Mittags Frl. Geppert, belebend wie immer. Bald nach 4 waren wir in Potsdam, zu 9 lebenden Menschen. Honig hat aus erster Ehe 2 sehr nette Söhne und der ältere eine allernetteste junge Frau (mit Baby), die zu sehen schon ein Geschenk ist. Am schneereichen 3.
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| Feiertag kam Erika mit Gatten, u. obwohl alles gut verlief, haben wir da irgend eine nicht ganz deutbare Sorge. Vorher war zu Mittag ein angenehmer Chinese da, mit dem es sehr interessant war. (Wolfgang hat aus Peking wegen Übersetzungsplänen geschrieben.) Am 4. Feiertag Frau Kühne mit Rudolf, der schon am 24. nach alter Tradition gekommen war. (Es ist erstaunlich, wie sie über Susannes Vorhandensein hinwegzugehen versteht.) Da ich tagelang fast garnicht an die Luft gekommen war und aus Mangel an Bewegung nichts als Luft in mir habe, sind wir heute im Schnee und Winternebel von Wannsee über Nikolskoe nach Potsdam gegangen. In N. hatte ich einen großen Schreck: Du in dem Herzchen, das unmittelbar an der Uhr auf der Kette hing, warst plötzlich weg. Aber ich hatte wieder Glück: denn das Herzchen war in der Westentasche, und so habe ich große Trauer vermeiden dürfen.
Du wirst vielleicht staunen, wenn ich zu diesem Bericht hinzufüge, daß ich vom 27. bis heute in 3 Tagen den einen Vortrag mit 50
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| Quartseiten fixiert habe, und die Sache scheint zu stehen.
Von der Post habe ich 2 Briefe nicht selbst lesen können: den von Heinz (Susanne hat berichtet) und den von Adelheid, die allerhand durchgemacht hat. Wir sind nicht dazu da, unser Herz beliebigen Stößen auszusetzen.
Morgen 30. früh reist unsre ausgezeichnete Lisbeth in die Heimat, was ich ihr sehr gönne, und kommt erst am 2.I. abends wieder. Susanne, die alles Weihnachtliche (rund 500 M Kosten für Geschenke!) ausgezeichnet erledigt hat, besitzt 2 ausgleichende Mancos: sie kann nicht sorgfältig Rechnungen zusammenstellen und sie hat sich seit diesem Jahr ein so grausliches Schnarchen angewöhnt, daß wir von Einbrechern allerdings nichts mehr zu fürchten haben. Sie klagt deshalb sehr über schlechte Behandlung. Im Ethischen sind wir auf beglückendste Weise eins; nur leidet sie wohl an der Zeit mehr, als selbst zwischen uns gesagt wird. Denn ihre Stirn wird tief gefurcht. So soll es auch bei Felizitas sein, die sich aber ein Privatauto gekauft hat.
Morgen treffen wir uns mit Elisabeth "Lüpke" und Gisela Menzel (ihrer Tochter) in der Stadt, nachdem wir <li. Rand> uns bei I.K.H. u. I.M. eingezeichnet haben werden. Die nächsten Tage werden hoffentlich etwas ruhiger sein. Ich muß aber unendlich viel, über die Kräfte viel, beantworten. (auch Kirmß)
<re. Rand> Seltsam: für den Hauptanlaß bleibt kaum noch Raum. Aber Du weißt ja: an der Schwelle des Jahres sind wir noch tiefer vereint. Die innigsten Wünsche begleiten Dich <Kopf> nach 1939 hinüber: ins 36. reiche Jahr. Auch von Susanne.
Dein dankbarer Eduard.