Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. Januar 1938 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28.I.38.
Mein geliebtes Herz!
Das war am Dienstag eine sehr hübsche Heimkehr: ein Strauß auf dem Tisch von Frau Dürre, das Dorle, das mir entgegen lief und - der ersehnte liebe Brief von Dir. Aber leider bestätigte mir Dein Schreiben, was ich schon fürchtete, daß Dein Katarrh nicht so rasch vorüber ging und daß Du Dich natürlich garnicht schonen konntest. Ich will jetzt nur hoffen, daß die Besserung, von der Du zuletzt schriebst, auch angehalten hat und daß Du den Vortrag in Böhmen verschieben konntest. Eben mache ich mir mit Kummer klar, daß dieser Brief Dich kaum erreichen wird, wenn Du die Reise wirklich unternimmst. Ich wollte aber, Susanne konnte Dich zurückhalten. -
Von mir ist ja garnichts Interessantes
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| zu berichten. Ich habe ein paar Tage in Frkft. verdöst, denn ich war sehr ermüdet. Dabei schlief ich sehr unruhig und träumte dauernd von der Arbeit in der Klinik, die nicht von der Stelle kam. So ein richtiger Schultraum. - Frau Biermann habe ich einen kleinen Besuch gemacht und mir erzählen lassen, daß der Gatte zuletzt nur 8 Tage krank war und dann an einer Gehirnblutung starb. Sie empfand es tröstlich, daß er bis zuletzt nur ihren Namen nannte. In Kronberg wird sie ein kleines Haus kaufen; gerade als ich sie besuchte, stand sie im Begriff den Kauf abzuschließen. Natürlich fragte sie auch nach Dir und ließ Dich grüßen.
Hier fand ich den Vorstand wohl und munter, wennschon sie sich natürlich auch öfters angegriffen fühlt. Dagegen ist Frl. Weber, die ich so gern besuche, schwer herzkrank und es sieht mir sehr bedrohlich aus. Gestern war ich den ganzen Nachmittag bei ihr; darum kam ich auch
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| nicht dazu, Dir zu schreiben, wie ich gern wollte. Ich ging dann um 9 Uhr ins Bett, weil ich totmüde war. Ich begreife das eigentlich garnicht, denn so anstrengend wars in Jena nicht und ich hatte doch solch bequeme und gute Versorgung. Seit heute ist der Schmerz im Hinterkopf weg und ich habe förmlich das Empfinden als fehle mir etwas, so dauernd war die Sache: nicht unerträglich, aber leise bohrend. - Es ist günstig, daß die Arbeit in der Augenklinik noch nicht anfing, weil der Patient noch nicht kam. Es soll erst nächste Woche beginnen, und ich hoffe, dadurch einen triftigen Grund zu bekommen, um die Einladung zu Winters am Geburtstag von Aenne zu umgehen. -
In meinem kleinen Nest ist mirs doch wieder sehr behaglich, und ich hoffe nun auch wieder in normale Verfassung
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| zu kommen.
Denke nur, bei meiner Ankunft hier, war ein Japaner (oder Chinese?) so höflich, mir die Tür am Bahnhof aufzuhalten, damit ich mit meinem Köfferchen und Tasche bequem durchkäme. Ich war extra langsam gegangen, um nicht mit ihm zu kollidieren. Ich habe auf der ganzen Reise nur höfliche Leute getroffen, auch die Deutschen. Und im übrigen findet man abgesehen vom Vorstand lauter Gesinnungsgenossen. So war auch Frau Biermann gleich ganz vertraulich. - Wo ist denn eigentlich die Tochter Rösi? Von ihr war nicht die Rede. Das Lenerl sei im Pestalozzi-Fröbelhaus, und der Sohn steht vor dem Examen. -
Auch wenn es jetzt besser wurde mit dem Katarrh, schone Dich noch. Du weißt doch, wie ich mich um Dich sorge. Grüße Susanne herzlich und sei selbst viel-vielmals gegrüßt von
Deiner
Käthe.

[li. Rand S. 1] In Deinem kleinen Aufsatz vom 25.XII. bin ich verliebt. Ich mache überall Eindruck damit. Und mir ist die Einleitung in ihrer <li. Rand S. 2> graziösen Überlegenheit einfach entzückend. - Denke nur: der Vorstand hat auf einem Kalenderblatt einen Ausspruch von Dir gefunden!!