Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. Februar 1938 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. Februar 1938.
Mein liebstes Herz!
Es geht schon auf 9 Uhr, und das ist die letzte Abholung an unserm ländlichen Briefkasten; aber ich kam so spät aus der Stadt zurück und so muß ich hoffen, daß auch von morgen früh 6 Uhr bis Sonntag morgen dieser Brief bei Dir sein kann. Mein Dasein verläuft inhaltlos, und meine Gedanken wandern zu Dir, denn Dein letzter Brief hat mich doch etwas in Sorge versetzt. Hoffentlich ist ja die Sache inzwischen überwunden, aber ich wüßte es doch gern! - Meine dauernden Kopfschmerzen, vermutlich eine Neuralgie, sind durch Wärmebestrahlung jetzt so gut wie vorbei. Ich hatte mich doch endlich entschlossen, Frl. Dr. Clauß um Rat zu fragen, und sie hat mir Saalfelder Stahlquelle und - zur Beruhigung - Brovalotonbäder verordnet. Das kann man zu Haus machen 2x in der Woche und es ist nicht teuer. - Mit der Arbeit in der Augenklinik ist es noch immer nicht in Gang gekommen. Aber es war mir ein angenehmer Vorwand die Beteiligung an der Ludwigshafener Geburtstagsfeier abzusagen. - Eigentlich ist es mir nicht unlieb, noch eine Zwischenzeit behalten zu haben, denn ich fühlte mich anfangs recht miserabel. Jetzt werde ich doch hoffentlich einmal wieder nicht arbeitsscheu sein. Bisher verschob ich nach Möglichkeit alles [über der Zeile] besonders das Schreiben! auf "morgen". - Ich konnte ja auch von den Jenenser Lorbeeren ein Weilchen zehren.
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| Gestern bekam ich von Herrn Prof. Seidel so liebenswürdige und belobende Zeilen, daß ich mir fast etwas einbilden könnte.
Dagegen hatte ich heut ein recht betrübendes Erlebnis. Ich war bei Drechslers und da erzählte mir die Schwester von der ganz verzweifelten Lage und Stimmung ihres Bruders. Er ist jetzt wieder im Schuldienst, aber es sei eine tägliche Qual, denn es hat sich herausgestellt, daß die störenden, zerstörenden Gerüchte von Kollegen ausgingen. Wie immer ist alles verworren und undurchsichtig, aber darum auch keine Möglichkeit der Abwehr. Hoffentlich behält er die Kraft durchzuhalten.
Auch sonst hört man nicht viel Erfreuliches. Höchstens daß Rösel Hecht sich drüben in Neuenheim ein Häuschen baut. Und das fragt sich noch, ob es restlos erfreulich ist, denn sie baut mit geliehenem Kapital. - Wie beurteilt Ihr denn die Chancen unsrer Freunde im Osten? Ich kann nur immer denken: möge ihnen unser Kriegsschicksal erspart bleiben! -
Adele ist tatendurstig wie immer, aber es geht nicht mehr so flott wie sonst und das macht sie verstimmt. Man muß sehr vorsichtig mit ihr umgehen. Auch sonst wäre mancherlei Verstimmendes zu berichten, aber es bleibt besser ungeschrieben. - Ob Du morgen in Weimar sein wirst? Der Elefant soll ja umgebaut werden und auch sonst wird viel verändert. Schade, daß die Sitzung nicht war während meiner Anwesenheit in Jena!
Wenn ich doch bald hörte, wie es Dir geht! Die liebe Karte an den Vorstand gab mir darüber leider keinen Aufschluß.
Mit tausend innigen Grüßen - einen Teil auch an Susanne! -
Deine
Käthe.

[li. Rand S. 1] Wie geht es Frl. Silber? Ich hörte diesmal nichts von ihr.