Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. Mai 1938 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 28. Mai 1938
Mein geliebtes Herz!
Wie ich am Datum Deines lieben Briefes sehe, habe ich recht, wenn es mir vorkommt, als hätte ich seit Ewigkeit nichts von Dir gehört. Aber ich habe - von Susanne adressiert - die Abzüge der Japanrede erhalten, für die ich sehr herzlich danke und die ich möglichst "nach Würden" verteilen werde. Inzwischen war es hier weiter kühl und trübe, und nachdem es Himmelfahrt sich föhnig aufhellte und gestern plötzlich wolkenlos und warm wurde, kam nachmittags ein schweres Gewitter den Rhein hinunter und entlud sich stundenlang über der Ebene. Wir haben heut nun den Nachklang mit leichtem Regen. Es scheint, daß der Himmel möglichst die fehlende Bodenfeuchtigkeit, die der Landwirt vermißte, nachholen will. Aber so gibt einem in diesem Jahr auch die Natur das Gefühl des Interimistischen, Unzuverlässigen. Man lebt nicht mehr im Tage! Und doch hört man nicht auf Pläne zu machen, wie es Menschen in so schöner Gegend nun mal nahe liegt. Rösel Hecht bedauert sehr, daß sie mich neulich so abjagte, und schlägt nun für Pfingsten ein andres Unternehmen vor: womöglich am Sonnabend schon nach "Heilig-Kreuz-Steinach" vom weißen Stein aus, und am Sonntag von dort weiter in den Odenwald zum Lichtenklingerhof, was Häbler als etwas ganz besonders Schönes schildert. So leben wir, wie der Mann im Syrerland und
[2]
| vermeiden es, den Blick zu tief in die Hintergründe zu richten. - Übrigens, wie jede Uhl auch für irgend jemand zur Nachtigall werden kann. zeigt sich mal wieder bei Drechsler. Vielleicht weißt Du schon, daß er wieder in Berlin ist und dort einen Kurs bei den Heerespsychologen mitmacht. Der Bedarf hat sich gesteigert.
Sage mal, wo ist eigentlich der Aufsatz über Volkstum und Erziehung erschienen? Das ist nirgend zu erkennen. Meine Gedanken kehren immer wieder zu diesem Thema zuück, und bei den "geheimnisvoll überindividuell waltenden Mächten" mahnt es mich an Wiechert - und ans Bogenschießen. Diese Gefahr des Zerstörens durch Herausheben in die Nüchternheit des Bewußtseins kenne ich gut. Nur zu gut weiß ich, wie viel man mit dem besten Willen durch Worte zerstören kann. - Ja, und Worte sind nicht nötig, wo man in tiefem Vertrauen eins ist, nicht wahr? Es ist ja überhaupt nicht mehr möglich dem Worte zu geben, was einen im tiefsten bewegt. -
Über den Fall von Pensionierung, nach dem du fragst, kann ich leider nirgend zuverlässige Auskunft bekommen. All meine Bekannten haben keine direkte Verbindung mit der Universität mehr, und die Fakultäten wissen nicht über ihren Kreis hinaus Bescheid. -
Mir steht noch die Freude bevor, Großputz zu halten. Noch war es mir zu kalt dazu. Vielleicht nach Pfingsten! Meine Plantage vor dem Fenster will nicht wachsern, kaum die Hälfte der Samen ist aufgegangen. Stattdessen wächst da schon wieder ein neues Haus, das mir die Aussicht in das <li. Rand> Dorf Rohrbach fortnimmt. Schade! - Doch nun will ich mich dem Haushalt widmen, einholen und kochen. Ich wünsche Dir einen guten Sonntag und grüße Dich innig. Sage auch Susanne herzlichen Gruß.
Deine Käthe

[li. Rand S. 1] Was macht die Sache Georg Maier?