Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5./7. Juni 1938 (Heidelberg)


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Heidelberg. Pfingstsonntag 1938.
Mein geliebtes Herz!
Nun hast Du nicht einmal zum Pfingstfest einen Gruß von mir bekommen und morgen in Weimar weiß ich Dich nicht zu erreichen!! Der Elefant ist ja wohl im Umbau? ... Also muß ich sagen: herzlich willkommen wieder daheim! Was Du mir von diesem "zu Hause" schreibst, hat mich innig erfreut und ich denke gern daran. Solche stillen Gefühle sind augenblicklich das Einzige, wozu ich noch fähig bin und wenn nicht der heutige Tag sich meiner erbarmt und der Geist noch über mich kommt, dann wirst Du denken: ich sollte besser das Porto sparen. Aber sieh: ich spare in andrer Weise! Heute z. B. bin ich nicht in Hl. Kr. St. - sondern ganz still zu Haus. Der Plan zerschlug sich, weil ich nicht so ins Ungewisse ohne bestelltes Nachtquartier fort wollte, und im Hotel war schon alles besetzt. Die Ausflügler haben auch einen schönen Tag gehabt, nur jetzt gegen Abend möchte es gewittern, aber es kommt nicht richtig dazu. Ich nehme das gern als Symbol für andre Dinge, die in der Luft liegen. - Die letzte halbe Woche war ich stramm an der Arbeit. Wie das immer so ist, lange kommt garnichts und dann "eilt es furchtbar". Übrigens wird das zu meiner Freude auch noch Fortsetzung haben, da für den Ophtalmologen-Congreß gearbeitet wird. Auf Millimeterpapier habe ich 7 Bogen sich kreuzender
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| Curven gezeichnet, bis alles vor meinen Augen in einander lief. Dann mußte ich noch einmal anfangen! Zum Glück kostet der Bogen nur 6 <altes Pfennigzeichen>. Glücklich am Sonnabend um 7 Uhr konnte ich abliefern und um ½ 8 war ich bei Adele zum Abendbrot. Da liegt auch jetzt immer so eine merkwürdige Spannung in der Luft und alle Augenblick ist Kurzschluß. Die Schwestern "behandeln" sich gegenseitig, aber die Reizbarkeit von Adele überwiegt. Für morgen früh ist ein Ausflug geplant, der Bruder von Wolfgang (Leutnant z. Z. in Dresden) ist hier und soll amüsiert werden. Vielleicht sind die Reste des versetzten Gewitters bis dahin fort und hoffentlich [über der Zeile] ist die Stimmung auch geklärt.
Von Japan berichtet unsre Zeitung wenig, also wird es wohl nicht besonders gut stehen. Oder nehmen wir weniger lebhaften Anteil? - Am Freitag war ich mal wieder zu einem Vortrag in der wunderschönen Heiliggeistkirche. Aber der Geistliche, Studentenpfarrer aus Berlin, war dazu angetan, einen wieder hinaus zu predigen. Es fehlte ihm nicht an Worten, aber den Worten fehlte es an lebendigem Gehalt. Du weißt ja, daß ich immer etwas im Zweifel bin, ob solche Enttäuschungen maßgeblich sein dürfen? Ich habe doch auch sehr andre Stunden dort erlebt. - Seit einer Woche ist in der badischen Kirche jetzt auch ein Commissar. Bisher gab es keine Schwierigkeiten, hoffentlich entstehen auch keine. - Ja, ich begreife es sehr, daß man in Sorge ist, wie man wertvolles Geistesgut in heutige Münze umwechseln soll. Denn die Zeit hat nur Sinn für die Prägung und nicht für den Wert an Karat.
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| Aber ich bin doch der Meinung, daß es immer richtig ist, für das einzutreten, was man als zeitüberlegen erkannt hat, auch wenn es im Augenblick nicht anerkannt wird. Ich glaube an die Macht des Geistes, der nicht der Zeit und der Enge des Irdischen verhaftet ist, sondern darüber hinaus die "Welt des Wesens und der Wahrheit" sucht. Deshalb hören die Studenten bei Dir Psychologie; denn die Jugend hat noch ein feines Gefühl für echtes Leben. Auch unsre Tage stehen unter dem Zeichen: Fürchte Dich nicht, glaube nur! Nicht der Erfolg sondern die Kraft der Gewißheit ist es um was wir ringen müssen.
Es ist so schwer, für das was man fühlt, auch Worte zu finden. Seit langem ist meine Feder gelähmt. Dann möchte ich wohl gern mit Dir reden können und bin mir doch bewußt, daß ich dazu noch weniger fähig bin. Also tröste ich mich mit dem Bewußtsein, daß Du wohl auch so verstehen wirst, was ich sagen möchte.
Ich bin mir recht oft zur Last in letzter Zeit. Es fehlt an Energie, wenn nicht gerade ein Anstoß von außen kommt. Heut plante ich, den Vorstand zu besuchen, aber die Zeit vergeht mir ungenutzt unter den Händen. Erst schlief ich nach der dreitägigen Strapaze ziemlich lange. Dann mußte ich - Strümpfe stopfen, denn ich hatte nicht einmal ein neues Paar kaufen können, da ich am Sonnabend nur knapp fertig wurde mit dem Zeichnen. So waren um 7 die Läden zu und ich bekam nicht einmal zum Fest ein Weißbrot, geschweige denn Kuchen!! So habe ich mit Schinkenmakkaroni und Schwarzbrot feiern müssen - denn
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| ich hatte keine Lust, auszugehen, resp. zu fahren, um im Bergbräu zu essen. - Dann schlief ich wieder, denn es war entsetzlich schwül, und schließlich ging ich noch für ein Weilchen zu Kirchenrat v. Schöpffer, die ich immer gern sehe. Das ist nur 5 Minuten weit. Das drohende Gewitter ließ mich nicht einen weiteren Weg riskieren und der Regen begann auch ziemlich bald. - Ich habe das Bedürfnis nach einer gewissen Reform. Zum Vorstand gehe ich meist 3 x in der Woche; aber sie sagt stehts, ich wäre sehr lange nicht dagewesen. Für mich aber ist diese ständige Verpflichtung eine dauernde Beunruhigung, und eine Befriedigung hat man nicht davon, weil es doch nie genug ist nach ihrer Meinung. So bin ich oft verstimmt und es scheint mir recht überflüssig, daß ich existiere. Die Zeichnerei gibt mir augenblicklich mal wieder eine gewisse Daseinsberechtigung, aber im übrigen ist eine Epoche der Flaute. Auch alle möglichen kleinen Täglichkeiten sind schief gegangen und vor allem drückt mich diese große Müdigkeit. Nervenschwäche - Neurasthenie nennt man das - aber ich will mal wieder einen neuen Anlauf nehmen und versuchen, mich zu bessern. Es ist doch wohl schon ein Anfang, wenn man sich ins Gebet nimmt!

7. Mai. Also gestern, am 2. Feiertag waren wir zu viert unterwegs, und es war sehr gut gelungen. Trotz drohender Wolken zogen wir ab, Fahrt bis Neckargemünd, dann Tillystein, Dilsberg - dort Kaffee, Neckarsteinach Schwanen, dort Eis - dann ich allein mit dem Leutnant über die Burgen bis Ziegelhausen - das war gemütlich das Netteste - aber alles war von herrlichem Wetter begünstigt und überall gab es frohe, wandernde Menschen. Auch Dir in Weimar wünsche ich sonnige Stunden, hoffentlich nur gute Eindrücke. Gern schriebe ich jetzt noch weiter, aber ich muß in die Stadt: Vorstand, Klinik, Essen, Frl. Schupp etc. etc. - - Also lebe wohl und sei mit Susanne herzlich gegrüßt.
<li. Rand>
Immer
Deine
Käthe.