Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17. Juli 1938 (Heidelberg)


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Heidelberg. 17. Juli 1938.
Mein liebes Herz,
am Datum Deines lieben Briefes sehe ich, daß ich garkein Recht habe, die Schreibepause so lang zu finden. Aber es scheint mir, als wäre es Zeit, einmal wieder mündlichen Austausch pflegen zu können, und zum Schreiben ist eigentlich keine Geduld und keine ausgiebige Möglichkeit. - Inzwischen geht das Einerlei meiner Tage ungestört weiter und man hört nicht auf, hinter den Gewitterwolken auf die Sonne zu hoffen.
Ein paar angenehme Natureindrücke hatte ich in den letzten Tagen: mit Adele zu Fuß von Schlierbach zum Kümmelbacher, und mit dem Vorstand mit der Elektrischen dorthin und später am Waldesrand bis Neckargemünd. Wir waren [über der Zeile] beide male vom Wetter und der Waldeskühle begünstigt und es waren angenehme Stunden. In der Stadt hatten wir die übliche Heidelberger Schwüle. - Auch an seelischen Wolken fehlte es nicht, wennschon sie nur peripher für mich sind. Die liebenswürdigen Verwandten vom Vorstand versuchen mal wieder ihre Sparkünste an Aenne, und ich bekam in diesem Sinne einen Brief, der mich recht empörte, den ich aber [über der Zeile] nicht als maßgeblich zu betrachten entschlossen bin! Und Adele hat nach vielen Explosionen nun endgültigen Krach mit ihrem recht tüchtigen Dienstmädchen, die schon 10 Jahre bei ihr ist. Ich fürchte, sie wird die Vorzüge verlieren, und andre Fehler eintauschen. -
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Durch Zufall griff ich aus den Büchern, die von der Tante stammen, die Biographie der Gräfin Bernstorff heraus. Man muß sagen, es ist ein sehr einheitliches, charakteristisches Zeit- und Menschenbild der damaligen höchsten Kreise, aber nichts als Familien- und Standesinteresse. Nur selten Oasen von allgemeiner Bedeutung. - Das gerade Gegenteil ist eine Broschüre von August Winnig, die mir geliehen wurde. Der Name des Mannes war mir schon irgendwie begegnet, aber ich wußte nichts Näheres. Dies Heft: Europa, hat mir in seiner Knappheit und klaren Vorstellung einen großen Eindruck gemacht.
Am vorigen Mittwoch war ich abends bei Rösel Hecht, die Besuch von einem jungen Juristenehepaar hatte. Der Mann ist hochmusikalisch und spielte uns wundervoll: Schubert - Reeger - Bach. Es war wirklich erlebte Musik. Ich zehre noch davon. - Und eine andere Freude war ein liebenswürdiger Brief von Oskar Bolza, dem ich auf Anregung von Aenne einen Abzug Deines Japanvortrags geschickt habe. Hiermit kann ich Dir nun seinen Dank übermitteln, der Brief folgt ein andermal. - Wäre es Dir wohl möglich, mir noch ein paar Exemplare Deines Vortrags zu überlassen? Ich habe sie schon alle abgesetzt und ein Nippon-Heft gebe ich Otto Kohler am 22. zum Geburtstag. Aber ich hätte noch mehr würdige Interessenten. z. B. den Vorstand, die sehr lebhaft dafür interessiert war. Ich schickte auch Hermann ein Exemplar zum 13. -
In letzter Zeit ist es meine besondere Freude, den Sonntag still zu Hause zu bleiben. Ist dem Vorstand natürlich unbegreiflich. - - - Vor meinem Fenster blühen die Kapuzinerkressen nach langem Begießen und Begucken sehr schön. Ich habe die leuchtenden Farben so gern.
Nun sei mir gegrüßt. Ich denke stündlich mit treuen Wünschen Dein und hoffe auf gute Nachricht.
Deine Käthe.