Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. September 1938 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8. Sept. 1938.
Mein geliebtes Herz!
Heute scheint das Wetter einzusetzen, das uns vorenthalten blieb. Die Sonne lichtet den leichten Morgennebel und die Luft ist still und kühl. - Schade! - Es ist ja weniger um den Genuß, der uns entgangen ist. Ich meine, wir haben auch aus der Ungunst des Himmels das Menschenmögliche gemacht - es ist nur deswegen, weil Du Dir dabei nun doch eine Erkältung holtest. Ich hoffe nur, daß der Klimawechsel durch die Reise günstig gewirkt hat und Du die Sache bald wieder los wirst. Mir ist es so gut gegangen, daß ich nur immer tauschen möchte! In Singen hatte ich Aufenthalt bis 9.28, stärkte mich durch Bouillon mit Ei und fuhr dann in einem modernen Polsterwagen 3. Konstanz-Ostende auf gutem Eckplatz bis Heidelberg. Um 2 Uhr war ich zu Haus, während Du noch immer weiter und weiter fahren mußtest. - In meinem Zimmer fand ich Blumen von Frau Dürre und nach einem Kaffee machte ich mich auf den Weg, für die nötigste Ernährung zu sorgen. In der Stadt suchte ich Rösel und den Vorstand auf, und kaufte ein. Zum frühen Abendessen war ich zu Haus und sank dann um ½ 9 totmüde ins Bett. Ohne wesentliche Störung schlief ich mit 2 Unterbrechungen 11 Stunden und hatte mich nun wieder in der Gewalt. Es gab viel aufzuräumen, Staub zu beseitigen etc. Sehr angenehm ist es, daß schon täglich leicht geheizt wird. Die Begrüßung im Hause war sehr freundlich und nachmittags erledigte ich wieder Besorgungen in der Stadt
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| und im Anschluß Besuch bei Frl. Schupp u. Mathys. Erstere ist in Leinach mit Hauer zusammengetroffen bei Frau Krukenberg u. Frl. Hilger. Letztere <Pfeil zu Mathys> hat von dem Aufenthalt in Beatenberg am Thuner See eine schwere Erkrankung an Spulwürmern mitgebracht und macht einen recht elenden Eindruck. Auch Frl. Sch. hatte die Reise mit einer Kolik beschlossen - also viel Erholung hat bisher niemand zu verzeichnen. Mich dagegen finden alle sehr wohl aussehend und ich kann es subjektiv nur bestätigen, daß es mir gesundheitlich gut geht. Die leichte, nervöse Unruhe am Herzen ist nicht recht beklemmend. - Wenn ich jetzt nur von Dir dasselbe hören könnte! Ich hoffe doch, daß das häusliche Behagen mit dazu hilft. - Viel Erfreuliches hörte ich also hier noch nicht. Unterwegs sah ich große Transporte, mit und ohne Uniform, meist sehr ruhig. - Zwei Briefe bekam ich hier schon: Joh. Richter, sehr lieb und eingehend und Eva Eggert, die nun doch eine Stellung als Schwester in Westpreußen bekam, und meldet, daß ihr jüngerer Bruder bei den Fliegern angenommen ist. Ob seine leichte Farbenblindheit schon bemerkt ist oder ob man nicht mehr so streng in der Auslese ist? Der ältere Bruder, mit medicinischem Staatsexamen, ist Chauffeur bei einem Baumeister in Ostpreußen. - - -
In meinem Herzen leben die Tage stiller, sonniger Gemeinsamkeit. Das trägt mich über den Alltag, der dagegen leer und gleichgültig erscheint. Ich danke Dir und dem Geschick für diesen Reichtum, den kein äußeres Verhängnis rauben kann. Und es ist meine Bitte für Dich, daß auch Dir neue Kraft wachsen möge durchzuhalten.
Grüße Susanne herzlich. Ich schreibe ihr bald.
In immer gleicher Liebe
Deine
Käthe.

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Lieber, ich möchte Dir doch noch etwas schreiben, worüber ich in der Nacht nachgedacht habe. Du sagst, daß Du bei solchem Anfall von Beklemmung aufstehen und Dich anziehen mußt; daß der Baldrian-Geruch im Zimmer stört etc. - - Was nimmst Du überhaupt für Baldrian? Bei der Erkrankung 1910 war es der ätherische, der anregen soll, nicht der andre, der beruhigt. Das ist ein Unterschied. - Und so meine ich, Du solltest einen warmen Schlafanzug anschaffen, den Du leicht überwerfen kannst, um auch in Dein Studierzimmer gehen zu können und dort eventuell auf dem bewußten Stück Zucker die Baldriantropfen zu nehmen. Damals mußte das Fläschchen an Deinem Bett auch unter ein Glas gestülpt werden wegen des starken Geruchs. Der beklemmende Zustand ist doch eine momentane
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| Schwäche, gegen die der unschädliche Baldrian hilft [über der Zeile] durch Anregung, während die andre Sorte noch dämpft. - Ich möchte ja nun, daß dies alles nicht mehr nötig wäre. Aber ich wäre dankbar, wenn Du auf meine Anregung eingingst. Oft helfen schon die Maßnahmen, ohne daß sie in Aktion treten; im Bedarfsfalle aber wäre das Verfahren eine Erleichterung für alle Teile. Solch Schlafanzug wäre eine technische Erleichterung und kann ja nicht die Welt kosten. Du würdest dann leichter zur Abhilfe greifen, wenn Dein Aufstehen Susanne weniger stört. - Mein Vater hat viele Nächte auf dem alten Lehnstuhl zugebracht, den ich noch habe! Und es wurde auch wieder besser, sodaß er ihn garnicht mehr brauchte.