Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16. September 1938 (Heidelberg)


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Heidelberg. 16. Sept. 1938.
Mein geliebtes Herz!
Ich weiß nicht, wie oft ich Deinen lieben Brief wieder und wieder gelesen habe - andächtig und dankbar, daß auch Dir die Gemeinsamkeit dieser Woche Glück und Leben von unvergänglichem Wert war. Und Du hast Recht, wir wollen standhalten, da uns solches zuteil wurde.
Inzwischen ist nach der höchsten Spannung eine gewisse Entlastung eingetreten. Ich habe in der Nacht darauf zum erstenmal seit langer Zeit durchgeschlafen. Aber wenn man sich fragt: kann es von Dauer sein? dann stehen die klaren Einsichten Deines so formenschönen und inhaltreichen Vortrags vom 9.10.37. vor einem und man zweifelt an der Möglichkeit, durch politische Einsicht diese verwickelten mit Feindseligkeit geladenen Zustände zu ordnen. Dennoch ist vorläufig der fortwährende Druck von mir genommen und man begegnet überall beruhigteren Gesichtern. Freilich vor den aushängenden Depeschen der Zeitungen steht alles gedrängt und schweigend, obgleich die Nachrichten nicht ungünstig sind. - Abends stehen die Lichtkegel der Scheinwerfer von Flugbatterieen am Himmel, am Tage knattert es bei den Kasernen und überall ist Militär zu sehen, z. T. im Stahlhelm - kurz, man vergißt nicht, was die Signatur des Tages ist.
Aber ich hatte auch gute Eindrücke. Bertha von Anrooy kam auf der Durchreise nach - Langgries! mit heran, wohl und munter, ausgeheilt. - Adele ist wieder
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| besserer Stimmung und nett im Umgang. Rösel war einen gemütlichen Abend bei mir und war auch aufs lebhafteste berührt von Deinem Vortrag, den ich ihr vorlas. Am liebsten hätte sie ihn mir gleich für ihren Ältesten mal ausgespannt, der am Tage, als der Alarm am höchsten war, nur voller Freude jubelte: das gibt Notabitur! Aber ich habe schlechte Erfahrungen gemacht mit dem Verborgen. - Auf ihre Veranlassung war ich in einem Vortrag der Christengemeinschaft über Goethes Novelle. Es war recht gut und paßte in gewissem Sinn zu meiner eignen Stimmung. "Herbstgedanken"!
Von Hannelore hatte ich ein nettes Briefchen mit ein paar mäßigen Aufnahmen von unserm Ausflug nach Iznang. Ich schicke Dir demnächst einige Sachen zurück und dann lege ich dergleichen bei. Auch an Frau Frommherz habe ich geschrieben. Morgen will ja das Ehepaar abreisen. Hoffentlich ohne Sturm.
Beim Vorstand habe ich heut eine Stunde lang geholfen, die alte Standuhr wieder zusammensetzen und aufstellen. Elisabeth Vetter war kürzlich mal da, und hat inzwischen mit der Familie Mehner, bei denen sie in Ludwigshafen ist, in der[unter der Zeile] en Auto einen tüchtigen Unfall gehabt. Ein andrer Wagen ist ihnen in die Flanke gefahren und man kann froh sein, daß alles ohne ernste Folgen blieb. Sie sind zu viert rausgeschleudert, kamen mit Quetschungen davon.
Wie stehts mit Dir? Hilft das Sympatol dauernd? Ich hoffe es. Daß dabei viel psychisch ist, glaube ich ja auch; aber ich denke, auch Dir wird in diesen Tagen etwas leichter ums Herz gewesen sein. - Gestern hatte ich den ganzen Tag Schneiderei im Hause. Bei solcher Gelegenheit komme ich mir besonders lebhaft vor, wie der Mann im Syrerland. Denn lohnt es sich eigentlich, sich was Neues anzuschaffen?!
<li. Rand> Am Sonntag werde ich bei Kohlers sein, wenn sie mir nicht absagen. Das ist auch so ein rotes Beerlein, mit dem ich "des Todes Bitterkeit vertreiben" will. - - Sei mir innig gegrüßt, und wisse, daß ich immer Dein gedenke.
Deine Käthe.

[Kopf S. 2] Grüße Susanne herzlich.