Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. Januar 1939 (Berlin)


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10.1.39.
Mein innig Geliebtes!
Ich möchte Dir gern einmal wieder ausführlich schreiben; aber ich bin abends früh müde, zumal da plötzlich wieder recht viel zu tun ist und doch die beste Spannfeder nicht funktionieren will. Die Weihnachtsferien haben fast keine seelische und leibliche Erfrischung gebracht. Ich habe im ganzen mindestens 110, wenn nicht mehr, Antworten u. Danksagungen geschrieben (Louvaris allerdings 400 Auslandsbriefe!), einen Vortrag fertiggestellt, einen Nachmittagsausflug gemacht - sonst nichts fürs Herz.
Silvester waren wir kurz bei Frankes. Am 1.I. waren Otto (Prag) mit Frau da, und das war ganz interessant; ohne Meinungsdifferenzen. Am 5.I. begann das Semester wieder, schleppend, und die volle Besetzung ist erst heute wieder erreicht. Unsre Nichte Haide war einmal da - was auch mit Gefühlen pro und contra verbunden bleibt. Am 7.I. war ich schließlich so weit,
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| daß wir in irgend ein beliebiges Kino gingen.x) [unter der Zeile] x) wie einst in Heidelberg Und eigentlich hat das ein wenig geholfen.
Unter den Briefen war vielerlei Interessantes, wovon ich vielleicht einmal eine Auswahl zusammenstelle, wenn Zeit bleibt; aber einiges habe ich selbst noch nicht lesen können. Wenke war bis gestern hier. Eigentlich stand die ganze Ferienzeit unter dem Druck, daß die Sache mit dem Assistenten sich nicht entscheiden wollte. Es schien zwar, daß die SS. ihren Ehrenstandpunkt durchgefochten hätte; aber für mich schien eine Zeitlang garnichts dabei herauszukommen. Endlich kam gestern Abend folgender Brief: "S. g. H. Kollege: In Ergänzung meines Briefes vom 2.XII.38 teile ich mit, daß m. Beschwerde gegen Herr Dr. P. hinfällig geworden ist, da die Angelegenheit anderweitig erledigt wurde. - - Es wurde bei dieser Gelegenheit die Möglichkeit eines Stipendiums [re. Rand] }! für Herrn Dr. P. erwogen.
.... der Dekan."
Eine Entscheidung ist dies an sich nicht. Aber ich nehme es als solche. Ist es eine vorläufige Niederlage der anderen Seite, so werden die
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| eingeschlagenen Fensterscheiben zuletzt natürlich bei mir sein.
Gestern kam endlich auch die Nachricht, die Gründung der Ortsgruppe der dtsch. jap. Gesellschaft in Wien solle am 2.II. sein. Wenn ich das machte, käme meine Vorlesung (incl. 30.I.) fast für eine Woche in Fortfall. Ich habe also abgesagt. Voraussichtlich werde ich ja Ende März in Wien sprechen. Am 25.I. rede ich in Münster (wie schon am 17.I. hier in der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft) über: "Wege und Ziele der Völkercharakterologie" Hamburg und Danzig habe ich vorläufig abgesagt. Denn die Arbeit hier ist die Hauptsache, und das Hegel-Seminar hat in der Tat Niveau bekommen, was vom Fröbelseminar nicht gesagt werden kann.
Eine große Sorge ist noch, was unter den neuen Zeichen aus der Ak. wird. Aber meine Kommission für D. Erz. und Schulgeschichte habe ich auch bisher "so" durchsteuern können, sogar mit kleinen Fortschritten.
Da es also nach Fröbel riecht, hat sich auch Halfter wieder gemeldet. Den deutlichen Antwortbrief, den ich entworfen hatte, habe ich nicht durch Susannes Zensur bringen können. Ein anderer Brief, den ich deutlich
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| beantworten wollte, war der v. L. Lampert. Da kämpft unsicheres Gewissen mit Eigenliebe. Am Schluß wurde sogar G. Bäumer gerühmt, was wohl Dir zuliebe geschehen ist. Aber ich kann diese Intellektuellen, die nach der Times sagen: "heutzutage darf man sich durch nichts überraschen lassen", nicht so durchgehen lassen. Einfache Leute urteilen darin viel sicherer. Der ganze ofizielle furor geht ja darauf zurück, daß "man" eben nicht mitgeht. Ein dritter Brief, der zu denken gibt, ist der heute eingetroffene von Felizitas. Auch da mischen sich unsicheres Gewissen und Empfindlichkeit. Die Antwort wird nicht leicht sein. Denn es ist nicht zu leugnen: das große Bindeglied fehlt, und Part. hat viel wehmütigen Beigeschmack, und ärgern tut es mich auch, wenn man sich ein Auto kauft, obwohl man - von Steuern [über der Zeile deutlicher] Steuern erdrückt wird. Vom letzteren werden wir alle allerdings das Nötige noch erleben. Der Topf ist leer. Es ist nicht einmal mehr Kaffee u. Kakao drin.
Am 1.I. ging m. Uhrkette in der Mitte entzwei. Ich habe sie reparieren
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| lassen. Das Kaiser-Friedrich-Goldstück ist bei dieser Gelegenheit durch Dein Herzchen endgiltig ersetzt worden. Die Kette tut seit 50 Jahren mindestens Dienst. Sie wird auch sonst schwache Stellen haben.
Wer jetzt ohne Ansteckung durchkommt kann von Glück sagen. Es tut mir leid, daß Du gleich wieder dran glauben mußtest. Sonnabend hatten wir noch 5 Grad Kälte, Sonntag 3° Wärme. Der Schnee ist heute, bei 5°Wärme, beinahe ganz weg, womit ich sehr zufrieden bin.
Ich lege Dir 2 Nachrichten von Heinz bei; die erste habe ich im Augenblick noch immer nicht gelesen. Kann man sich etwas Künstlicheres denken als Nr. 2? x) [li. Rand] x) Wegen 15 M!! Und dabei meint er es sehr gut. Das ist doch alles nur Folge einer schief gestellten Umwelt? Oder vielleicht doch nicht? Vielleicht der schizophrene Typ, den die Mediziner vorwiegend durch gestörte Umweltbindung kennzeichnen? Er hat recht: ich gehöre auch dazu; aber ich habe es kräftig bekämpft.
Familiärer Gruß mit Bild aus Doornkaat. Wie alt, wie matt geworden! Auch der Sohn dankt. Schwiegertochter fehlt noch.
Man hat immer so viel Akutes zu
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| berichten, daß die innere Welt zu kurz kommt. Aber darin harmonieren wir ja ohne Worte. Ich sehe garnicht, wie Geschehenes reparierbar sein soll. Ich sehe das einseitige Walten des 5. Typus. Dagegen müssen die Realitäten der 5 anderen, besonders des 6., aber auch des 2. u. 4. einmal revoltieren. Sie sind im Moment viel schwächer. Auf die Dauer aber gewaltig - und so kann Gewonnenes zerrinnen.
Susanne war 2 mal in Pankow. Traf das 2. Mal leider niemanden. Das ist immer eine große Reise.
Seitz scheint es schlecht zu gehen. Die Damen Glasenapp sind dort. Kirmß hat in 10 Tagen 3 mal eigenhändig geschrieben.
Es wird das Beste sein, dies Gemengsel morgen ohne weiteres abzusenden. Vollständigkeit ist kein Ideal. Nähe schon eher eines. Und so grüße ich dich innigst mit guten Wünschen für Deine Gesundheit und für all Dein Leben.
Dein
Eduard.