Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29./31. Januar 1939 (Berlin)


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29.I.39.
Mein innig Geliebtes!
Ein wenig ist mehr als nichts. Ich fange in später Stunde zur Zeitausnützung doch noch an. Die Stimmung ist nicht nur auf dem Nullpunkt, sondern wirkt nun auch schädlich auf Magen und Darm. In der Assistentengeschichte kann ich keine Entscheidung erzwingen, und so werde ich, nicht wie Don Q., mit Windmühlenflügeln, sondern mit dem Wind kämpfen müssen. Wind kann aber auch sehr stark sein. Man scherzt; es ist zum Bersten.
Am 17.1. habe ich hier in der Kaiser-Wilhelmgesellschaft vor vollbesetztem
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| Hause den Vortrag "Wege und Ziele der Völkercharakterologie" laufen lassen. Einen guten Vortrag. Er hat wohl auch gewirkt, aber einen durchgreifenden Kontakt habe ich nicht gespürt. Ganz anders am 25.I. mit demselben Thema in Münster (unter Heinrichs freundschaftlicher Ägide). Der Empfang war betont, die Fühlung mit dem Auditorium von 5-600 Köpfen (ebensoviele waren es in Berlin), von welchen Köpfen aber 50 in schrecklicher Atmosphäre stehen mußten, war dauernd stark. Hinterher saß ich mit 30 Kollegen noch angeregt im Ratskeller. (Da lebt noch eine Universität, d. h. in Münster, nicht im Ratskeller.) Nach traulicher Zwiesprache mit dem guten Heiri
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| Wunderli endete um ½ 2 der Tag. Ich habe mich dabei doch etwas überanstrengt.
Heute Sonntag vor einer Woche waren wir bei Elisabeth v. Harnack mit den Harnackkindern und einer Enkelin zusammen. Wiederbelebung alter Zeit nach 10 Jahren!
Den Anschluß an die Friedrichssitzung der Akademie von Münster aus erreichte ich trotz guten Willens nicht mehr. Mein Zug mußte zu lange vor den Fensterhöhlen der Charlottenburger Synagoge halten. Der Zug kam aus Holland. Die Holländer können schwerlich verstehen, wie recht wir hatten. So ist es eben: das Beste wird nicht verstanden.
Freitag mußten wir, was Susanne ungern tat, eine litauische Professoren-
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|Null zu Mittag begrüßen, weil die Univ. sich diesen Gast als Null hinzugefügt hatte. (8 Tage vorher war ein ungarischer Mann ohne Belang bei unsmit Günther viel willkommener.) Gestern Vormittag trat die Hirtennovelle mit schönen Zeichen in unser Haus. Wir staunten, daß eine Novelle so tief tragisch sein kann. Aber es war ein schöner Augenblick tiefer Begegnung mit Begegnungswertestem [über der Zeile] <nochmals gestrichenes unleserliches Wortende>.[neben der Zeile] wertechtem
Das sind nun äußere Daten. Oger schwebte über dem Schacht. Die Pforte (La Porte) berichtete manches, was nicht zutrifft. Es brodelt.
Gestern waren wir bei Fehmers, mit Marg. Thümmel; nicht so, wie man wünschte, aber freundschaftlich voran bereitet.

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31.I.39
Inzwischen kam Dein lieber Brief. Ja - man lebt eigentlich nur schattenhaft. Ob es im Alter immer so sein muß, bezweifle ich. Man lebt eben die andere Seite, und man wird immer wieder selbst daran gehindert. Ich schließe mich jetzt energisch von den Unsicheren ab. Der Luise L. antworte ich nicht, und den Fröbelhalfter habe ich mir mal gründlich vorgenommen. Diese Guten wie auch [über der Zeile] die Unguten des Olympes glauben, man können gewisse Realitäten nicht sehen, indem man sie abblendet. Wie verblendet!
Gestern hatten wir Universitätsfeier. Der Rektor schien mir gegen die Verunglimpfung im eigenen Hause durch Streicher zu protestieren. Die Aufregung über diese Rede ist allgemein. Der Dekan war bei der Feier nicht anwesend, wohl aber ein gewisser, dessen Mißwuchs durch Uni
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|form nur noch betont wird. Seelischer und körperlicher Mißwuchs hängen wohl zusammen. Da der Dekan nicht da war, muß ich annehmen, daß meine Assistentenangelegenheit auch durch Krankheit stockt. Er hat sich eben in eine Sackgasse gerannt. Aber ich stecke in der gleichen, und alles Technische im Seminar ist so, daß es eben "zu Ende" ist. So tötet man die Lebendigen, denn ich bin noch lebendig.
Von den Neujahrsbriefen kann ich Dir sofort leider noch nichts senden. Wenn auch die Zeit wäre, bleibt doch wenig Kraft; sie geht durch den Auspuff. Der Februar ist immer der schlimmste Monat. Ich habe noch folgende Verpflichtungen: am 14.II. "Goethes Wanderjahre" in der
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| hiesigen Goethegesellschaft. Wohl auch einen Studententee. Am 22. II. beim Psych. Laboratorium der Reichswehr. Am 1.III. G Mittwochsgesellschaft bei mir, (Thema?) am 6. III in einem Zehlendorfer Heimatverein: Philosophen in Berlin und Berliner Philosophen. Mitte März Hamm u. Wuppertal. 29. März Wien: "Volksmoral u. persönliche Sittlichkeit." Dazwischen wollen wir nun zusammensein, und die Frage spitzt sich zu auf "Wiesbaden oder Baden-Baden." Was meinst Du dazu? W. ist Großstadt, hat aber Mainz u. den Rhein in der Nähe. Mit Baden-Baden, wo wir Seitz eine große Freude machen könnten, haben wir 1922? im März keine guten Erfahrungen gemacht. Aber ich wüßte jetzt ein bescheideneres und gemütlicheres Hotel. - Oder Auerbach? Aber dafür ist der März noch sehr früh.
Mit Felizitas habe ich auch eine grundsätzliche Korrespondenz gehabt. Auch
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| da ist manches Unklare. Man soll heute nicht in Halbheiten stehen bleiben.
Ich fürchte, daß ich diese unleserlichen Zeilen morgen einfach absenden werde, damit Du doch wenigstens irgendetwas bekommst. Obwohl die Arbeit nichts ist gegen früher - man ist doch älter und man ist freudlos. Und freudlose Arbeit wiegt dreifach schwer.
Innige Grüße
Dein
Eduard.