Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. Februar 1939 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 14. Februar 1939
Mein innig Geliebtes!
Dein lieber Brief traf mich gestern einer Grippe halber im Bett. Ich werde morgen wohl schon etwas aufstehen können und am Freitag versuchen, die Vorlesungen wieder aufzunehmen. Die Grippe hatte ich wohl schon, als wir am 3.II bei Röschen Wingeleit Geburtstagsbesuch machten. Sie war mir mit leichter Erkältung verbunden. Die begleitenden Magen- u. Darmstörungen aber stammen aus den ständigen Aufregungen, Ärgernissen u. Depressionen dieses Jahresbeginns. Ich kann daher zu Plänen (mindestens heute) keine Stellung nehmen, da mir
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| aller Lebensmut fehlt und ich mich nur noch als Maschine in der Hand des Schicksals fühle. Dies ist nicht Grippezustand.
Heute um diese Zeit sollte ich in der Goethegesellschaft über Goethes Wanderjahre reden. Flitner, der mich am Sonntag schon im Bett traf, ist für <gestrichener unleserlicher Buchstabe> mich eingesprungen. Aber viele sind wohl schon vorher abgesprungen. Morgen sollte ich bei Oncken zur Mittwochsgesellschaft u. bei v. Euler zum Vortrag mit Abendessen sein; Donnerstag Zertrümmerungssitzung der Akademie u. Fakultätssitzung – Freitag Vortrag v. Rothacker u. Einladung zu Lietzmanns. Alles abgesagt. Diese tote Geschäftigkeit u. Geselligkeit hat ja auch keinen Sinn, als über den totalen Sinnverlust hinwegzutäuschen.
Die Hirtennovelle bezog sich auf persönlichen Besuch. Schluß 9¼. Susanne ist in der Goethegesellschaft.