Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Februar 1939 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 23. Februar 1939.
Mein innig Geliebtes!
Ich wünschte, Dir einen geburtstaglichen Brief schreiben zu können; aber ich fürchte, es wird aus meiner Gesamtlage heraus nicht glücken. Die langwierige Grippe war ja auch nur Symptom - Folge schlechter Luft ringsum, und ich bin so weit unten mit Kräften, Hoffnung, Glauben, wie man es nur sein kann. Im ganzen habe ich 8 Tage gelegen, vom 12. bis 19.II. Zweimalige Aufstehversuche waren verfrüht. Vorgestern habe ich nach 5 Stunden Unterbrechung (!) zum 1. Mal wieder gelesen; aber es geht noch schlecht. Den Vortrag am 14.II. in der Goethe-Gesellschaft über die Wanderjahre mußte ich ausfallen lassen. Flitner sprang freundlicher Weise mit dem
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| gleichen Thema für mich ein. Aber die Leute waren wenig zufrieden. Auch gestern noch mußte ich einen Vortrag in der Dienststelle des Generals v. Voß absagen, ebenso 3 gesellige Gelegenheiten, die mich unter Menschen gebracht hätten. Aber auch daran habe ich immer weniger Freude. Susanne hatte die ganze Zeit wohl auch eine Erkältung mit Fieber. Sie hat sich aber so durchgeschlagen und mich treu gepflegt. Nur ist sie nicht für die Nüancen, auch nicht für die seelischen, die mich so quälen.
Meine Hörer hatten sich erstaunlicherweise nicht verlaufen, sondern empfingen mich mit lang andauernder Sympathiekundgebung. Aber der Aufbau der Schlußstunden ist nun natürlich zerstört. Alle diese Zwischenfälle ohne
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| Hilfe eines Assistenten - man verliert naturgemäß das Interesse.
Was bis zum 13. März, dem ersten auswärtigen Vortrag zu leisten ist, ist nicht wenig. Am 1.III. ist die Mittwochsgesellschaft bei uns. Ich muß auch noch einlegen. Am 6.III. ein öffentlicher Vortrag in Zehlendorf u s.f. Zu Reiseplänen habe ich vorläufig noch garkeinen Mut. Gegen Heidelberg habe ich das stille Bedenken, daß der Kontrast zwischen dem, was diese Umgebung uns war und was sie heute sein kann, sich im Gefühl vordrängen wird. Wenn die Zeit reicht, können wir es ja einige Tage versuchen, aber doch wohl besser mit einem Hotel, das Zentralheizung garantiert. Was mich jetzt allenfalls noch rausrappeln kann, ist eine relativ neue Umgebung, die ein bißchen die Phantasie nach außen zieht. Susanne wird, entgegen dem 1. Projekt, nicht, auch
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| nicht partiell mitkommen, sondern nach Gumbinnen zur Einsegnung fahren.
Aber nun habe ich Dir noch nicht einmal meine Glückwünsche ausgesprochen. Du weißt, daß unter dem ganz wenigen, was unverändert ist und bleibt, unsre Gemeinsamkeit beharrt. Und mehr, Besseres vermag ich Dir nicht zu sagen. Man wünscht sich wohl auch Gesundheit und Kraft, um standzuhalten. Aber worauf warten wir eigentlich? Doch nur noch auf solches, was von innen kommt. Anderes Licht sehe ich nicht mehr. In diesem Sinne wünsche ich Dir eine gute, stille Feier. Es werden ja wohl ein paar Damen kommen. Susanne sendet Dir auch herzliche Glückwünsche. Sie dankt für Deinen Geburtstagsbrief u. die süße Beigabe herzlich. Ich grüße Dich in inniger Verbundenheit wie stets
Dein
Eduard.