Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. März 1939 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 26.III.39.
Mein innig Geliebtes!
Hoffentlich ist Dein Mißbefinden überwiegend wetterbedingt. Denn es ist wohl eine kritische Wetterperiode, die sich auf Leib und Seele legt. Auch ich - oder vielmehr "Lieber Sohn ......." Wenn Du keine andere geeignete Unterkunft finden kannst, solltest Du in ein Hôtel gehen. Ohne Heizung kannst Du unmöglich bleiben. "Um Einsendung der Rechnung wird ersucht."
Die Fahrt war lang und langweilig. Selbst die Landschaft um den Herkules - noch schneebedeckt und düster - vermochte mich nicht zu beleben. Susanne erwartete mich in Potsdam. Um 10 waren wir zu Hause. - Die bewußte Sitzung scheint ziemlich belanglos gewesen zu sein.
Am Freitag war das Wetter immer noch so rauh, daß wir - um
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| nicht ganz zu Hause zu bleiben - in ein Kino gingen: Ein Schritt vom Wege (= Fontane, Effi Briest), künstlerisch so wertvoll wie ein Film sein kann, ohne jede Konzession an die Menge. Wie zart ist diese fontanesche Welt - aber auch tief tragisch und in diesem Werk ungelöst!
Viel sachliche Korrespondenz war nicht zu erledigen. Ich begann am Sonnabend mit dem Ms. für Wien und habe heute Sonntag Abend 35 Seiten, so daß nur noch 5 Seiten fehlen. Besuche beim Schneider und Friseur bildeten das - wiederum draußen rauhe - Intermezzo. Gestern Abend waren wir in kleiner Gesellschaft bei Schmidt-Otts. Die alten Herrschaften, die schon 12 Enkel haben, sind immer reizend. Von den Anwesenden war mir Schumacher wertvoll wegen seiner immer ruhigen, objektiven, (aber auf die Länge gesehen pessimistischen) Beurteilung der Dinge. Heute hatten wir den lange verabredeten Besuch von Dr. Möckel aus Leipzig, der
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| 1911 mein erster Bibliothekar war und jetzt ein Jean Paulsches Ruhestandsdasein in einer eigenen Hitsche bei Leipzig führt. "Kein Hauch der aufgeregten Zeit ....." Wir zeigten ihm noch den Wannsee. Aber es war wieder abscheulich rauh, und in der Nacht hatte es wieder geschneit. Im Garten liegt immer noch Schnee.
Morgen ist allerhand Praktisches in verschiedenen Stadtgegenden zu erledigen. Mittwoch fahre ich via Prag nach Wien. Dort habe ich schon 2 Verabredungen. Ich werde wehmütig an das reizende Zusammensein mit Lorchen vor 3 Jahren in Grinzing denken. Ich habe ihr vorgestern an den Äquator (Italienisch-Somaliland) geschrieben. Diese Ortsveränderung charakterisiert die Zeiten.
Hier weiß man, soviel ich bisher feststellen konnte, nicht mehr als wir aus dem vielen Papier herausgelesen haben. Mit Rumänien haben wir uns gut geeinigt. Die Engländer sind ernstlich
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| sehr böse. Sch. meint, dies werde sich erst erheblich später auswirken.
Es ist ein kleiner Trost, daß es weder in Heidelberg noch hier besser ist als in Wiesbaden. Und wenn wir auch von außen keinen wärmenden Strahl u. keine Heilquelle gehabt haben, so bleibt es doch so, wie Du auf der lieben Karte geschrieben hast, die ich bei der Zigarrentasche fand.
Mein Schnupfen ist fast fort. Der Husten natürlich nicht. Der verschwindet immer erst mit milderer Luft.
Es war schön, daß wir wieder beisammen waren, und ich danke Dir warm für diese Begegnung im alten, ewigen Sinne.
Susanne grüßt vielmals.
Innigst Dein
Eduard.