Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. April 1939 (Berlin/Dahlem)


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Karfreitag, 7.IV.39.
Mein innig Geliebtes!
Nachdem ich soeben den geplanten freundschaftlichen, aber doch ein wenig vom Unmut diktierten Osterbrief an Felizitas geschrieben habe, wende ich mich zu dem angenehmeren Teil, dem Ostergruß an Dich. Er kann nicht so ausführlich werden, wie ich wünschte. Denn in 1 Stunde wollen wir zu einem Klavierkonzert vom Kempf ¹) [Fuß] ¹) war auch in Japan. fahren. Ich weiß garnicht mehr, was ein Konzert ist (trotz unsres Nippens im Kurhaus.)
Zunächst also will ich berichten, was in der Zwischenzeit gewesen ist. Der Hintergrund, das weißt Du ja, war immer dunkel und bedrohlich und ist es auch noch jetzt. Ich bin also am
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| am 29. März mit dem fertig ausgearbeiteten Vortrag bei unerhörtem Regen über Breslau u. Märisch Ostrau (Prag gesperrt) nach Wien gefahren; genau 12 Stunden. Am 30.III. war das Wetter ähnlich rauh wie in Wiesbaden. Ich kämpfte mich mit dem flatternden Stadtplan durch ein paar Straßen und suchte in der Gemäldegalerie in der Gegend Rubens etwas von Bartholomäus Spranger, fand aber nichts. Nachm. besuchte mich ein Studienrat Dr. Latzke, der eine sehr feine Examensarbeit über mich geschrieben hat. Abends war der Saal des kleinen Musikvereins nur halb besetzt, obwohl das Reichspropagandaamt gut gearbeitet hatte (aber doch nicht so wirksam, wie die, die nicht mehr in Wien
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| sind.) Diese 230 aber begrüßten mich mit betonter Herzlichkeit und der Beifall nach dem (wirklich gut aufgebauten) Vortrag war so stark, wie nur jemals. Ich darf annehmen, daß ich ein Elitepublikum gehabt habe und daß man mich verstanden hat. Von den Kollegen, die da waren (ich wollte schreiben: noch da sind) wurde ich auch liebenswürdig begrüßt. Der mir unbekannte Rektor hatte sogar einen Brief geschickt, da er verreisen mußte. Nach der Rede war ich mit dem liebenswürdigen Propagandareferenten und 2 Exministern noch ganz gemütlich beisammen. Die Zusammensetzung fiel mir ein bißchen auf. Sonst aber habe ich naturgemäß keine Eindrücke von Wien.
Auf der Rückreise kam ich mit Molos Kleistroman (Geschichte einer Seele) ziemlich zu Ende. Das mußte auch einmal sein; denn er hat ihn mir selbst geschickt.
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| Vieles darin ist doch recht gut.
Zu Hause begann ich mit Leibnizlektüre und Fortarbeit an der Geschichte der Berufsschulpflicht. Es kamen aber auch allerhand Besuche [re. Rand] (Tee für 3 Japaner) und die "Suche" nach einem Assistenten. Anscheinend bin ich nun zu einer halben provisorischen Lösung gediehen. Heute vorm. habe ich den armen Gunnar Thiele besucht.
Die Arbeit in dem am Donnerstag beginnenden lahmen Semester wird ganz unerwartet groß werden: 8 Preisarbeiten, schon jetzt 3 Dissertationen, der Berufspflichtaufsatz, ein neuer Akademievortrag. Korrespondenz u. Zusendungen sind plötzlich sehr angeschwollen, immer gleich Sachen von 12-40 Seiten (Briefumfang.) Das Kolleg über Kant macht viel Mühe, da ich ja kein Spezialist dafür bin.
Gestern haben wir den Halbtagsausflug
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| dieser verunglückten Ferien gemacht: Rehbrücke - Templin. Es war der 2. milde Tag. Heute ist es schon wieder rauh. Morgen Geburtstag m. Potsdamer Schwagers. In den Ostertagen kommt nur Anna Magdalena Schröder zum Kaffee.
In Pr. sucht man einen Philosophen. Mein Freund dort schreibt mir, das Ministerium habe ihn auf einen Berliner Dozenten D. B. aufmerksam gemacht, und wünscht von mir Auskunft. Ich werde ihm erwidern müssen, daß dieser Prof. David Baumgardt bereits vor 4 Jahren ausgewandert ist.
Wenn Du über Ostern nach Schönbrunn gehst, ist ja die Heizfrage erst nach dem Fest akut. Ich fürchte (nach dem Wetterbefund hier, der überwiegend schlecht ist), daß auch bei Euch die Frühlingstage bald wieder vergangen sind.
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| Die Wohnung von Adele ist doch ein bißchen weit weg.
Was ist das mit den Händen? Kommst Du mit Chemikalien, etwa einer Farbe, in Berührung? oder mit Pflanzen?
Es ist nicht möglich, auch nur in ein erträgliches Stimmungsgleichgewicht zu kommen. Dein Kalender weiß immer "Sprüch’". Aber die helfen allein nicht. Ich kann immer nur m. Ansicht wiederholen, daß uns einfach die finanzielle Lage zu schnellem Handeln zwingt. Und ganz so sagte es gestern die Times.
Nun muß ich Schluß machen, und es wird wohl eine etwas längere Pause kommen; denn zu Semester
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|beginn wachsen mir die vielen verschiedenen Dinge diesmal noch mehr über den Kopf als sonst. Auch ist der hilfreiche Wenke nicht mehr da. Sein Möbelauto hat eine Panne gehabt. Einzug bei Nacht, noch ohne Beleuchtung!
Susanne klagt mit Recht über Bürokratismus in ihren neuen Funktionen. Es ist des Schreibwerks immer noch kein Ende. Sie grüßt Dich herzlich. Und da fällt mir noch etwas Wichtiges, recht Betrübliches ein. Unsre ausgezeichnete Lisbeth geht am 15. Mai. Sie muß einfach ihren Eltern bei der Landarbeit helfen. (Militär gäbe es diesmal zur Ernte nicht, aber Lehrer, berichtete sie) Dieser Fall wird sich tausendfach in Berlin wiederholen. Wen werden wir bekommen?
Innigste Ostergrüße
Dein
Eduard.