Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. Mai 1939 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 1. Mai 1939. 18 Uhr.
Mein innig Geliebtes!
Die Feiertage sind vorüber; es waren beinahe 4, denn am Freitag fiel schon die Vorlesung aus. Ich habe sie [über der Zeile] (die Feiertage) benutzt, um 8 Manuskripte zu lesen, darunter 5 Preisarbeiten mit ca 650 Seiten und Gutachtenschreiben. So sehe ich für die Zukunft doch ein bißchen heller. Es sind zwar immer noch gegen 600 Seiten Preisarbeiten und 3 Dissertationen da. Aber das wird sich verteilen. Die Baumblüte war hier durch Sturm, Regen, Kälte für den Genießer beeinträchtigt. Sonnabend vor 8 Tagen kamen bei dem Taifun (denn das war es!) wieder ein paar schwere
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| Dachsteine bei uns herunter. [neben der Zeile] (Kosten!)
Auch das vorige Wochenende habe ich kolossal gearbeitet. Der Aufsatz für die "Erziehung" mußte vollendet werden.
Sehr müde bin ich immer bei Abendgesellschaften, so daß sie physisch zur Qual werden, wie sie auch sonst sein mögen. Ich war beim Staatssekretär Frhrn. v. Weizsäcker im Hause eingeladen. Sehr nett, trotz Frack und Orden. Du erinnerst Dich: sie ist die Schwester des Hrn. v. Grävenitz (Solitude) und ich war schon in Bern bei ihnen. Ferner war ich in der Pepinière zu großem Abschied für den General von Voß (Heerespsychologie), wo ich zwischen die Generäle geriet. Brosius habe ich nun nach einer Wartezeit von 2 ½ Jahren ignoriert. Am gleichen Abend
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| sollte ich bei Rust im Hôtel Bristol zum Empfang des Finnischen Kultusministers sein. Am 20 [über der Zeile] 19.IV. schwach besuchte Mittwochsgesellschaft bei Pinder. Am 25.IV. Staatswissenschaftl. Gesellschaft mit Vortrag über Amerika. Mittags hatten wir die Rede ganz bei Frau Hertz gehört.
Die Vorlesung ist gut besucht (zwischen 100-120), und zwar von ernsten Leuten; auffallend wenig Damen. Eine Zeitlang drohte Abreise der Ausländer. Im Seminar sind über 40; aber neulich bekam ich die Leute garnicht in Bewegung, obwohl Goethe doch viel leichter ist als Hegel.
Wir hatten Besuch von Petrau (genialer Autodidakt, Buch über Schrift), Frl. Dr. Dorer - Darmstadt, Frau Biermann, gestern Christian Biermann und Kükelhaus (sehr interessant.)
Mit dem Fröbelseminar vom vorigen
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| Semester habe ich die Fröbelausstellung im PFH besucht, wo Frl. Dr. Hoffmann einen instruktiven Vortrag hielt.
Du siehst, es fehlt nicht an Aktivität.¹) [re. Rand] ¹) Auch nicht an Passivität: ich habe mir wieder einen Zahn ziehen lassen müssen. Der Ersatz kostet viele Wege. Aber die Hintergründe sind düster. Ich "traue dem Frieden noch nicht", und die Ak.-Angelegenheiten bleiben unerfreulich.
Für den Latz, mit dem Du unsren Wirtschaftskünsten aufgeholfen hast, danke ich herzlich. Er kommt ja gerade zu dem Zeitpunkt, wo die kalte Jahreszeit zu Ende sein sollte. Aber heute ist es wieder kalt und regnerisch.
Frankes verreisen übermorgen für mindestens 2 Monate. Wir haben so viele Gegeneinladungen [über der Zeile] zu geben, daß wir immer unter Druck sind. So etwas ist immer sehr teuer, und es ist oft schwer, etwas Geeignetes zum Essen zu bekommen. Die nächsten werden wohl Kolbs sein, die uns vor kurzem für
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|10 Minuten besucht haben. Sie bleiben hier.
Die Mädchenfrage scheint annehmbar geregelt. Auch einen " Bibliothekar" habe ich nun, allerdings nur für den Nachmittag. Ich wurde schließlich beim Kurator etwas heftig. Aber: es bleiben 14 Tage Vacuum, bis das Mädchen kommt; Flora hat sich heute für 14 Tage zur Pflege ihrer kranken Schwester beurlaubt, und der Bibliothekar muß Ende Mai 3 Wochen aussetzen. Sehr unangenehm, da z. Z. Hochbetrieb ist.
Felizitas hat den vor 3 Wochen erhaltenen freundschaftlichen, das Geschäftliche ganz zart berührenden Brief noch nicht beantwortet. Ich fange an, mich ein bißchen zu erbosen. "Tragen Sie jemanden auf dem Buckel nach Schöneberg ......."
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Japan hat gesagt: i mog n't. Sie sind dort anscheinend gut orientiert. Selbst die Studenten kritisieren jetzt unsere Studenten. Hingegen hat Kotsuka geschrieben, von dem 1. der beiden japanischen Bücher seien schon 2500 verkauft - eine ungewöhnliche Zahl - und man würde gern ein drittes Buch haben. Den Chinesischen Botschafter habe ich neulich bei v. Ws. kennen gelernt.
Damit hätte ich wohl das Wichtigste erzählt. Sonstige Reflexionen am Rande bleiben fort. Es wäre auch im Augenblick sehr schwer, etwas zu sagen.
Anscheinend war der Frühling bei Euch angenehmer als bisher hier. Im Garten blüht allerhand, auch die Magnolie zum ersten Mal. Ich denke oft
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| an unsre Reichenaufrühlinge (Emmy hat geschrieben.) Am 27.IV war es 25 Jahre her, daß wir Riehls Geburtstag feierten. Damals standen wir noch vor dem Vorhang.
Ich lege Dir etwas bei, was Du mir vielleicht bei Gelegenheit mit zurücksendest. Viele gute Wünsche für Dein Befinden und den Inhalt Deiner Tage. Susanne grüßt herzlich und dankt auch für die Hilfe mit Deiner "Kunstfertigkeit". Ich bleibe wie stets
Dein
Eduard.