Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. Mai 1939 (Berlin)


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Berlin, den 15. Mai 1939
Mein innig Geliebtes!
Ich schreibe in einer freien halben Stunde an einer Stelle, wo keine für mich geeignete Feder zu finden ist - daher mit Bleistift.
Dein Schwanken, ob Du ganz die Pflege von Frl. Weber übernehmen solltest, verstehe ich nur aus Deinem guten Herzen. Eine solche Aufgabe ginge doch wohl über Deine Kräfte, und da wenig Hoffnung auf dauernde Genesung zu sein scheint, so wird es im Laufe der Zeit nur schwerer. Frl. Weber ist mir übrigens keine ganz deutliche Vorstellung, obwohl Du oft von ihr gesprochen und geschrieben hast. Ist denn sonst dort niemand zur Verfügung? Handelt es sich nur um "Gesellschaftleisten" - oder wie wäre es sonst gedacht?
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Von hier ist nur sehr wenig zu berichten. Der Frühling ist kalt, der Himmel bedeckt - in jedem Sinne. Ich bin froh, daß ich nun mit der 8. und letzten Preisarbeit beinahe zu Ende bin. Dafür liegen noch 3 Dissertationen da - jede natürlich eilig. Besuch hatten wir - außer Teepassanten - nur von Kolbs, mit denen es aber weniger ergiebig war, als eigentlich erwartet. Unsererseits waren wir einmal ½ Stunde bei Honigs, und ich eine Stunde bei dem gleichgesinnten Anglisten Schirmer.
Heute früh hat uns Lisbeth verlassen, was mir sehr leid tut. Die Nachfolgerin kommt erst, wenn wir von der Weimarer Goethetagung zurückkehren. Wir wollen schon am Sonnabend vor Pfingsten nach Weimar.
Morgen ist die Hauptversammlung der hiesigen Goethe-Gesellschaft mit einem
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| kurzen Vortrag von mir über "Die sittliche Astrologie der Makarie in Goethes "Wanderjahren>". Mittwoch Japanische Gesellschaft, abends Mittwochsgesellschaft bei Petersen, Himmelfahrt Nachm. bei Tigges.
Vorlesungen und Übungen verlaufen normal, letztere bei noch wachsendem Besuch. Zusammenarbeiten mit m. Specialissimus ist immer unangenehm: gleich nachher das 3. Mal in 5 Tagen. Ich gebe nicht immer klein bei. (Abschluß unerfreulich - natürlich.)
Felizitas hat in 5 Wochen nicht geantwortet. Wie findest Du das eigentlich? Ich finde dies Verhalten - wenn es sich nicht durch etwas Unbekanntes erklären sollte - einfach jenseits aller Worte. Und so scheint dann dieses Band - ohne meine Schuld - auch abzureißen. Wohl bemerkt: in dem letzten Brief, der erst geschrieben wurde, nachdem sie einen rein freundschaftlichen Brief 3 Monate unbeantwortet gelassen
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| hatte, war keine Forderung enthalten, sondern nur eine Frage. - Wenn ich auf die Reihe der Abtrünnigen zurückblicke: Rohde, Strasen, Brosius, Giese, Rodiek, Heyses etc. etc. - so frage ich mich oft, was an meinem Verhalten mich so vielfach hindert, mir die Menschen dauernd zu verbinden.
Einen Moment sah es so aus, als ob die Ausländer abreisen müßten. Das ist jedoch nicht der Fall. Im Gegenteil: es kommen immer mehr Griechen. Aber mit Japan steht es nicht mehr so warm wie zeitweise.
Ich bin oft müde, von innen her müde, und doch haben wir erst 1/6 des Semesters hinter uns.
Pause.
zu Hause abends.
Es wäre so viel zu sagen. Aber der tragische Riß, der mitten durch uns selbst geht, ist nicht aussprechbar. Und man
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| kann höchstens auf die Telepathie hoffen, an der es zwischen uns ja nie gefehlt hat. Es ist garkeine Möglichkeit, da etwas zurechtzurücken. Der Rückgang in die reinen Glaubensbezirke - ohne direkte Aktivität - ist nicht leicht, zumal für Alternde, die sich implicite selbst pensionieren würden. Dieses Zusammentreffen von Altern und Schweigegebot enthält in sich die Gefahr des freiwilligen Ausscheidens. Im Grunde ist es ja schon vollzogen.
Ich hatte heute ein Gespräch mit Nicolai, dem unentschleierbaren Moltke. Er ist nun wohl auch da, zu sehen, wie es liegt, und spricht sogar sein disappointment aus. Es ist, weiß Gott, kein leichtes Ding, da auszuhalten, wo wir hingestellt sind.
Die Stillen im Lande aber grüßen sich im alten Sinn. Ich sehe immer mehr ein, daß die echte Phil. des Abendlandes genuine Ausstrahlung des - nicht dogmatischen - Christentums war. Dies verloren - alles verloren. Das metaphysische Fundament ist fort.
Innigst mit guten Wünschen
Dein Eduard.