Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. Juni 1939 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 12. Juni 1939.
Mein innig Geliebtes!
Ich bin mit meinen Nachrichten sehr im Rückstand. Aber auch heute wird es nur ein "Zettelchen" werden. Zunächst: ich sehe garkeine Möglichkeit, für die Hegel-Arbeit einen Zuschuß zu beschaffen. Das Unternehmen v. Günther ist doch eine Geschäftssache. Normalerweise muß der Vf. pro Bogen 75 M zuschießen, und wenn es gelegentlich auch billiger gemacht wird, bleibt es doch ein erheblicher Betrag für einen Lehrer. Die Notgemeinschaft darf für Dissertationen nichts geben. Ausnahmen kommen vor; dann muß aber der Doktorvater sehr entschieden eintreten. Also leider kann ich hier nicht helfen.
Ich habe mich gefreut, daß Du in Ober-Diebach sein konntest. 500 m - das ist ja eine beträchtliche Höhe! Wir haben in den unerwarteten Pfingstferien nicht viel Erholung gehabt. Am 1. Pfingsttag, unmittelbar nachdem wir Dir die Karte geschrieben hatten, kamen wir in beispiellose Regengüsse, die für den Rest des Tages anhielten.
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| Pfingstmontag waren wir in der Herderkirche [über der Zeile] [in Weimar] zum Gottesdienst und trafen auf einen deutschen Christen. Da sieht mich niemand wieder. Nachher besuchten wir die verdiente Exgeschäftsführerin der G.G. Frau Dr. Günther, und das Ehepaar Kirmß (er 89!), dem es den Umständen nach recht gut ging. Begegnung mit v. Molo sehr angenehm und munter; später auch mit Carossa, der mich nunmehr liebenswürdig apperzipiert hat. Am nächsten Tage aber tat der Arme einen Fall und schlug sich die rechte Gesichtshälfte böse auf. Viele alte Bekannte sah ich schon gelegentlich der Sitzungen - aber es fehlten auch manche: so die ganze Familie Knaut - Magdeburg. Die Tagung war wohlgelungen, Kippenberg machte seine Sache sehr gut. Beim histor. Konzert rezitierte meine alte Leipziger Jugendbekanntschaft Susanne Wildhagen, jetzt Frau Prof. Tiemann. Wir sprachen auch von Heidi Ehrenberg. Mit Hedwig Koch war ich auch zusammen. Ilmenau machten wir nicht mit, stattdessen besuchten wir Litts auf 2 Stunden, fuhren mit 3/4 Stunden Verspätung von Leipzig ab und kamen mit 5/4 Stunden Verspätung in Charlottenburg an.
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Der Rest der Ferien ging auf Dissertationen und kleine Gelegenheitsarbeiten drauf. Die Schultersache hat sich nicht entwickelt, aber seit 3 Tagen habe ich eine unangenehme Geschichte mit der Wurzel, die noch vom Zahnziehen 1911 (Du erinnerst Dich: die starken Nachblutungen!) drinsitzt.
Vorlesungen finden nur höchst selten statt: wegen Ciano, Prinz Paul, der Spanier, des Zähltages und des Studententages fiel je mindestens ein Tag aus, und als mal wieder Vorlesung war, traf sie auf Fronleichnam. Erst heut habe ich wieder normalen Besuch gehabt.
Viel Erfreuliches ereignet sich nicht. Glasenapps sind wieder da. Mit ihnen haben wir Sonnabend einen gut gelungenen Ausflug nach Templin gemacht. Lore Ludwig heiratet am 15.VII. Sie war gestern mit ihrem Vater da; ich habe sie aber wegen eines auswärtigen Besuches nicht gesprochen.
Morgen ist "Betriebsausflug" der Akademie der Wiss.; ich mache ihn aber nicht mit, weil ich mal Vorlesung halten möchte.
Den 2. Brief von Felizitas lege ich Dir bei. Ich möchte ihn aber bald zurückhaben.

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nach unsrer englischen Stunde.
Neben den vielen Pflichtsachen schreibe ich an einer kleinen Fröbelstudie, die mich in sehr verschiedenen Hinsichten interessiert. Es ist aber merkwürdig, daß man immer schnell müde wird. Alle Leute klagen darüber. Die neue "Ida" läßt sich gut an.
Nach wenigen heißen Tagen sind wir wieder an der Grenze zu kühlem Wetter. Es scheint mit dem ganzen Sommer nicht viel los. Wir machen keine Reisepläne - denn wer weiß ......?
Da ich heute noch viel zu tun habe, muß ich jäh abbrechen. Habe Nachsicht. Ich grüße Dich innigst mit vielen guten Wünschen. Susanne schließt sich an.
In treuerem, häufigerem Gedenken, als sichtbar wird, und oft mit stillen Berichten und Fragen an Dich bin ich
Dein
Eduard.