Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27./28. Juni 1939 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 27. Juni 1939.
½ 11.
Mein innig Geliebtes!
Der Geburtstag ist wieder einmal vorüber. Diesmal sehr still. Es fehlt mir, daß ich von Dir noch kein Zeichen habe. Aber da Du die Adresse der Karte des Vorstandes geschrieben hast, darf ich ja wohl hoffen, daß Dir nichts fehlt, sondern nur der Post. Wie steht es mit dem Gesichtszucken? Es ist an sich sehr unangenehm, und eine Erkältung könnte sich auf den Facialis geworfen haben. Aber das wollen wir nicht annehmen. Die hiesige Gewitterluft hat auch uns hier bis zum Springen der Nerven mitgenommen. Dies ist nicht bildlich. Wir hatten Sonnabend und Sonntag schwere Entladungen. Wir selbst können uns ja nicht entladen.
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Vormittags waren da: Frau Gomies, Klara Rauhut und Reimesch, die ich nicht sehen konnte, weil ich außer Vorlesung und Sprechstunde eine Besprechung mit unsrem Günter in der Stadt hatte. (Der andere ist in Südafrika.) Nachm. kam nur Frl. Wingeleit, dann - lange nicht gesehen - Adalbert mit Frau und seiner "Heide", meinem Patenkind mit Überlebendigkeit und starken Andeutungen von Energie. Das Kind hat schon einen Charakterausdruck im Gesicht, bei noch nicht 4 Jahren. - Mit ihm wird mir der Kontakt schwerer als früher.
Die Briefe, auch bisher weniger zahlreich als sonst, haben trotzdem den Wert einer vielseitigen, nicht immer erfreulichen Revue über ganz Deutschland mit einem höchst bemerkenswerten ungarischen Annex.
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Auch Heinz ist darunter - nach beiden Seiten hangend. Ich habe in den letzten Tagen im stillen erwogen, ob ich ihm die Assistentenstellung bei mir anbieten soll, die nun eindeutig frei geworden ist. Es hat viele Bedenken. Er ist absoluter Einspänner, aber in eine ganz andre Welt hineingenötigt. Mit seinem Lehrer, von dem niemand mit Hochachtung redet, auch nach neuesten Symptomen, bin ich endgiltig zerfallen (ohne Wort.) - Lore hat pünktlich! aus Afrika recht nett geschrieben.) Heinz weiß eine Menge und hat seine stillen Bohrungspunkte. Früher wäre er bei mir in einen Betrieb gekommen, in dem er hätte mitschwimmen müssen. Heute wäre das eine Mittelstellung zwischen der halben zivilisierten Welt, die vorsichtig bedient werden muß (die Ausländer fangen an, fortzubleiben) und
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| etwa 10-15 sehr innerlichen Deutschen, die nicht Wissen brauchen, sondern klare Sicherheit des inneren Wesens, wie sie der brave Wenke unter Taifunen behalten hat. Endlich aber sagt eine alte Regel: Freundschaft und Geschäft vermengt tut niemals gut (tausendfach auch von mir erlebt). Ich weiß nicht, ob Du mir dazu einen Rat geben kannst. Ich muß es nur auch noch mehrmals - beschlafen. Das Unangenehmste für mich wäre der Schein, den H. H. anzuborgen, oder zu berauben, oder gar zu bejahen. - Ich werde morgen kaum weiterschreiben können. Es kommen ca 5 Besuche, die liebe Schreibhilfe Flora, und außerdem muß ich ja zu dem braven Lubowski, der mir gestern die seit 1911 ruhende Zahnwurzel ausgestemmt hat, für ihn "einer der schwersten Fälle in 30jähriger Praxis", für mich, da Einspritzung möglich war, ohne besondere Schmerzen.

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28.6.39 früh ½ 9.
Gestern abend ganz pünktlich kam noch ein Brief von Kotsuka. Er schreibt, daß meine beiden Bücher immer neu gedruckt werden, und freut sich auch über die damit verbundene kleine Erhöhung seines Einkommens. Heute früh kam noch ein ganzer Stoß Gratulationen, so daß die übliche Höhe erreicht ist. Unter den Briefen sind wieder Anderl u. Felizitas; da liegt ein moralisch-psychologisches Problem. Zugleich sandte sie die erste Monatsrate von 65 M.
Wir haben wider alles Erwarten Schweizer Devisen bekommen, jedoch gebunden an einen Badeaufenthalt in Schuls-Tarasp. Wann das Semester endet, ist bei völlig unentschiedenen Verfügungen nicht vorauszusagen. Natürlich frühestens am 15.7.
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Ich muß den sehr zerstückelten Tag beginnen, indem ich zu Lubowski fahre. Hoffentlich höre ich bald Gutes über Deien Befinden. Viele herzliche Grüße in stetem Gedenken, auch von Susanne.
Dein
Eduard.