Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. Juli 1939 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 14. Juli 1939.
Mein innig Geliebtes!
Mit großer Anstrengung habe ich heut Abend 7 Uhr das vorzeitig verendete Semester geschlossen. Ich bin ein wenig überreizt und würde heute Abend nicht mehr anfangen, zu schreiben, wenn die Pause nicht schon gar so groß wäre. Außerdem möchte ich am Vorabend des 100. Geburtstages meines Vaters Deiner gedenken. Er wird gefeiert a) nachm. durch Anwesenheit in der Kirche bei Lore Ludwigs Hochzeit; [über der Zeile] b) abends durch Besuch von Klara Rauhut. (Die sonst Überlebenden sind Emma Mai und Franziska Lehmann.) Am Montag waren wir auf dem Kirchhof.
Wir sind ja gewöhnt, in unsren
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| Briefen von den res familiares zu beginnen. Die Rangordnung entspricht nicht ganz dem tatsächlichen Erleben, mag aber doch gelten.
Nach dem wohl schon erwähnten griechischen Theater und dem griechischen Besuch des Herrn Koll. Exarchopoulos hatten wir die gloriose Leibnizsitzung der Akademie mit 19 Antritts- und 6 anderen Reden samt Preisverkündung (Preisträger sitzt in Göttingen); tags darauf den Familienabend der Mittwochsgesellschaft. Am Sonnabend hatten wir sämtliche Referenten des Seminars und 2 Südafrikaner zum Tee etc. bei uns. Es war so warm, daß man ausnahmsweise (sonst nachts kaum 10 ° R), und es war ganz ungewöhnlich hübsch. Mit uns beiden waren wir zu 14. Es begann
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| um 5 und endete nach ½ 10 mit fühlbarer Zufriedenheit aller. Am Sonntag war der alte New Yorker Freund Dr. Koischwitz mit Frau bei uns. Vorm. Ludwig, Frankes (nach langer Reise) und Anneliese Maier aus Rom, die über Südtirol gekommen war.
Diese Woche mußte aller Stoff enorm zusammengedrängt werden. Ich habe heute mit ca 60 Leuten geschlossen. Die doppelte Zahl hat belegt, aber sich z. T. nie sehen lassen, aus begreiflichen Gründen. Auch hier gehen die Studenten sehr gern zur Ernte etc. Eigne Arbeiten habe ich neben den Manuskripten, die nie abrissen, naturgemäß nicht fördern können. Es ist soeben noch eine Diss. für den letzten Prüfungstermin am 20.7. gekommen. Morgen und übermorgen muß ein Aufsatz zum 50. Geburtstag von Flitner geschrieben werden. Heute, zum letzten vollbesetzten Seminar ist der treue Wenke (noch immer als
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| Assistent) eingetroffen und hat von dem Bibliothekar Dr. Starke, der 3 Monate ausgezeichnet gewirkt hat, die Geschäfte wieder übernommen. So friste ich mich durch. Der Plan mit Heinz scheint auch Dir ein Wagnis; man kann sich so etwas wohl jetzt nicht gestatten.
Devisen für die Schweiz sind in Aussicht, aber noch nicht gekommen, und nach dem gesamten Stand der Dinge glaube ich nicht daran. Der Zahnarzt aber ist heute nach dem erstrebten Ort abgereist. Sollte es wider Erwarten zu dieser Reise kommen, so ist eine Begegnung zu dreien in Süddtschld geplant, die aber nicht viel kosten darf. Denn wir kommen kein Jahr ohne Unterbilanz durch, und das ist vielleicht kein Unglück, aber nicht rationell. Mit dem Rationellen kommen wir aber vermutlich auch nur die Pleite. (?)
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Du hast keine Vorstellung, was hier für Massen von neuen Büchern eintreffen, manchmal solche von ernster Bedeutung. Das ist ein kleiner Lichtstreif. Ebenso habe ich bereits so viele Vortragsengagements für den Winter, daß eigentlich schon alles besetzt ist (meist Nebenbahnhöfe.) Soeben hat sich auch der Prof. Christ aus Aachen, den wir auf der Reichenau getroffen haben, mit einer Einladung an die T.H. Aachen gemeldet.
Von japanischer Seite werden wir anscheinend durch irgend eine deutsche Mittelsstelle "übergangen." Allerdings ist Susanne gestern bei der Botschafterin zum Tee eingeladen gewesen. Aber da ist "etwas Dunkles" sonst. Ebenso werden die Briefe aus Japan spärlicher. Ich habe hier oft den Eindruck, daß alles wie auf den Kopf geschlagen ist.
Ernst Otto in Prag ist als Rektor nun auch durch einen Besseren ersetzt. So
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| zu lesen in der T.
Damit hatte ich wohl allen Kleinkram erzählt. Eine Prognose ist auch von hier aus nicht zu geben. Es muß wohl irgend etwas Irrationales dazwischen kommen. Manchmal frage ich mich gerade jetzt, was Riehl gerade jetzt gesagt haben würde. Das hätte ihn doch mindestens überrascht. Aber es ist ja ganz konsequent so.
Obwohl ich glaube, daß alle Beamten an ihrem Platz bleiben müssen, halte ich die Hoffnung auf eine Reise aufrecht. Ich brauche sie psychisch sehr. Aber im Grunde können wir nicht besser untergebracht sein als in dem noch eigentümlichen Haus, um das die Rosen trotz der Kälte wuchern. Und es ist ganz erstaunlich, wie gut
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| die Schwarwaldtannen der lieben Verstorbenen gedeihen. Du könntest mich aber totschlagen, wenn ich Dir jetzt ihren Namen nennen sollte. Daran erkennst Du meine schwere Müdigkeit. [Kopf] 10 Min. später: Hermine Kleiser.
Gute Nacht und gutes Licht des Tages!
Dein
Eduard.