Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. Juli 1939 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 30. Juli 1939.
Mein innig Geliebtes!
Die Beantwortung Deiner beiden lieben Briefe und der gemeinsamen Karte aus Speyer beginne ich mit Angaben über die nächsten Pläne. Wir wollen am Mittwoch (2.VIII.) abends hier abfahren und - ohne Schlafwagen - gleich in einer Tour durch über Lindau, Chur, nach Schuls-Tarasp, Hotel Post. Dort wollen wir etwa 3 Wochen bleiben. Im Anschluß daran hoffen wir auf ein Zusammentreffen mit Dir, und zwar vielleicht wieder auf Reichenau, wenn KdF schon fort ist und es dort Wohnung gibt.
Die letzten beiden Wochen waren recht arbeitsreich und abwechslungsvoll. Das Semester fand mit einer ganz erträglichen Zahl von Studenten ein relativ ordentliches Ende. Es folgten dann noch Einzelbesprechungen in Fülle und ein Prüfungstermin mit Müller-Using,
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| geb. Walleroth. Zunächst schrieb ich einen Gratulationsaufsatz für Flitners 50. Geburtstag am 20. August, der bereits gesetzt ist. Dann vollendete ich mit schwerer Mühe den ziemlich großen Aufsatz "Aus Friedrich Fröbels Gedankenwelt" für die Akademieabhandlungen. Heute nachmittag kommt Frl. Dr. Erika Hoffmann, die dazu im einzelnen noch Rat geben soll.
Wenke ist für die ganzen Ferien hier und wohnt sozusagen im Seminar. das ist sehr angenehm. Wir haben aber wieder Schwierigkeiten mit der "Erziehung". Der Verleger hofft etwas von einer Erweiterung des Herausgeberstabes. Ich nicht. Die Sache ist wohl nicht zu retten. Nehmen doch nicht einmal Ew. Gnaden von meinen dort erscheinenden Beiträgen Notiz. Wir haben uns aber an das A.A., an den Bildungschef der Arbeitsfront Arnhold gewandt und werden vielleicht noch an den General von Cochenhausen herantreten.
Zu den sonstigen Unannehmlichkeiten,
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| deren nicht wenige sind, gehört die Tatsache, daß sich der edle Gerhard Lehmann für eine Dozentur in Berlin gemeldet hat. Hingegen hat die B.-Gruppe versucht, den H. Günther zum Verzicht auf seine Dozentur zu bewegen, wobei sie aber an den Unrechten gekommen sind. B ist jetzt in seinen eigenen Kreisen so verhaßt, daß ihm nicht mehr alles gelingt. Der dubiöse Dekan aber läßt sich von ihm beeinflussen und macht jetzt auch sehr häßliche Versuche, Petersen aus dem Sattel zu heben.
Den 100. Geburtstag m. Vaters haben wir durch Teilnahme an Lore Ludwigs kirchlicher Trauung und abends durch ein stilles Zusammensein mit Clara Rauhut auf der Terrasse gefeiert. Mit Frankes haben wir einen Grunewaldspaziergang gemacht. Eine Amerikanerin aus dem äußersten Westen, die über Humboldt promoviert hat, hat uns besucht. Mit Ernst Otto (Prag), der auch allerhand erlebt hat, war ich eine Stunde
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| zusammen. Die Verdunklung etc. ging relativ gnädig vorüber. Einen serbischen Professor besuchten wir in dem "fernen" Lichtenrade. Allerhand Manuskripte mußten noch gelesen werden. Die Vortragsengagements für den Winter sind schon sehr zahlreich, darunter Magdeburg, Frankfurt/M., Aachen.
Das Hübscheste war eigentlich ein von dem Kreise, dem ich jetzt nähergekommen bin, veranlaßter Besuch beim Grafen Hardenberg in Neuhardenberg. Der Bankdirektor Dr. Lentze fuhr Kükelhaus und mich an einem leider sehr regnerischen, finstern und kalten Tage mit s. Auto hin (2 Std.) Das Schloß ist fürstlich mit bedeutender Galerie und Bibliothek. Vor allem aber waren der Graf und die Gräfin höchst liebenswürdige, lebendige Persönlichkeiten. Das Gefallen war gegenseitig. Abends kam noch der Pastor - ganz Fontanisch. Man kam auch aufs Zentrale.
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Deine Auskunft (heute) über H. H. bestätigt nur das Vermutete. Ich freue mich, daß Du das Zusammensein genießen konntest.
Dieser Brief muß leider ohne Eingehen auf alle Punkte ein Ende nehmen; einmal habe ich beim Schreiben einen störenden Schmerz in der Hand, sodann wollen wir Frau Maier und Anneliese M., die von Rom hier ist, besuchen. Deshalb nur kurz eine Erklärung über die Beilage: sie ist ein Codicill zu unsrem gemeinsamen Testament. Ich bitte es in Verbindung mit diesem aufzuheben. Der Schwager in Memel sitzt neuerdings so im Fette, daß sein sehr kleiner Anteil auf unsre schwerhörige Nichte Marianne Honig übertragen werden soll.
Gestern habe ich mich wieder mit Litt in Wittenberg getroffen. Er lebt in voller Zurückgezogenheit. Sonst nichts Neues.
Das Arbeiten im Sommer wird für Dich recht anstrengend sein; aber es macht auch wieder Freude. Wir haben hier viel
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| Schwüle, Gewitter und nachts Kühle. Fast nie ist ein richtiger Sommertag; aber heute z. B.
Wenn alles normal geht, kommt die nächste Nachricht aus Schuls. Wir gehen mit dem vollen Bewußtsein des Risicos hin; aber es muß auch einmal eine Unterbrechung in der Arbeit eintreten, die doch recht erheblich war.
Alle guten Wünsche für Dein Wohlergehn. Wir grüßen Dich herzlichst. Ein Wiedersehn winkt ja von ferne.
Innigst
Dein
Eduard.