Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. August 1939 (Schuls/Hotel Post)


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Schuls (Unterengadin) Hotel Post
den 9. August 1939.
Mein innig Geliebtes!
Deine liebe Karte gehörte hier zur ersten Post. Wir sind von Berlin bis Chur die Nacht durch als die einzigen im Coupé II. Kl. ganz gut gefahren und nach insgesamt 20 Stunden Bahnfahrt etwas müde und verhungert hier angekommen. Bisher haben wir nur wenig gutes Wetter gehabt; vielmehr dauernd Gewitter und schwere Regengüsse. Heute sah es besser aus; aber eben hat sich schon wieder im Norden ein ganz unheimliches Gewölk gebildet - also über Deutschland. Das Hotel ist sehr angenehm; die 3 Orte (Schuls, Tarasp, Vulpera) bieten Spazierwege für beliebig lange Zeit, z. T. auch ohne nennenswerte Steigung. Die Akklimatisation machte anfangs auch Beschwerden, scheint aber nun geglückt. Es ist viel Gelegenheit zum Kuren. Susanne macht davon mit wahrhaft Berliner Gier Gebrauch. Um 7 Uhr früh verläßt sie mich, läuft 25 Min hin und 25 Min. zurück ins Tal zum Kurhaus Tarasp, um dort etwas zu trinken, was
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| ich beim ersten Versuch für Schlimmeres als Wasser erkannt habe. Wenn sie um 8 ¼ zurückkommt, habe ich längst gefrühstückt. Sie aber geht am Vorm. sehr bald in die Bäder unterhalb unsres Hotels. Diese habe ich gestern auch zum 1. Mal versucht. Ich werde, falls mir das überhaupt bekommt, höchstens jeden 2. Tag baden. Es handelt sich um Stahlwasser mit Kohlensäure. Es kostet viel Zeit und Geld. Vielleicht aber nützt es gegen die hier wieder sehr fühlbare Herzneurose.
Unser Plan ist ungefähr am 25. hier abzureisen. Wir können dann am gleichen Tage, spätestens 18.35 in Konstanz sein. Offen gesagt, bin ich ein bißchen ratlos, wie wir das mit der Reichenau machen sollen. Es könnte sein - da es 5 Tage früher als voriges Jahr ist, daß wir alle dort sehr unter Fülle, Sonne, Staub, Mücken leiden. Und jedes Zimmer wäre mir auch nicht recht. Ich lege entschiedendes Gewicht darauf, daß wir an dem Orte, der von uns gewählt wird, mindestens 4 volle Tage zu dreien sind. Dies bitte ich zu billigen und zu unterstützen.
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| Nun stellt sich aber immer deutlicher heraus, daß es nicht einfach ist, mit Susanne zu reisen. Sie hat fast genau den entgegengesetzten Stil zu dem, den wir uns in ⅓ Jahrhundert (!) herausgebildet haben. Es gibt da ziemlich oft Verdruß. Auf der Reichenau müßten wohl zunächst die Autos entfernt werden; wir könnten versuchen, an geeigneten Tagen 2 Boote zu bekommen, damit sie selbst rudern kann. Den üblichen Weg nach Kargegg wird sie mitmachen; auch nach dem Sch<Rest unleserlich> Berg, wenn wir dahin kommen. Aber was machen wir, wenn Wetter oder Hotel nicht so sind, wie sie es zu beanspruchen berechtigt ist?
Neuerdings beginnt sie, sich für Beuron oder Sigmaringen zu erwärmen; ein Zeichen, daß sie um die Reichenau herumkommen möchte. Mir wäre die R. das Liebste, wenn wir nur die Ostzimmer haben könnten. Denn ich bin auf Neues nicht mehr so erpicht, nachdem ich in Ostasien war. Und das Wichtigste ist heutzutage doch ein zuverlässiger Hintergrund bei mäßigen Preisen. Wenn Du wieder nach d. R. vorrangingest, um die Situation zu erkunden, würde dies Jahr ein Nur-durchfahren kaum
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| möglich sein. Vielleicht gibt es auch dort wenig Sommergäste. (Hier fast nur Schweizer u. ein paar Holländer.) Um den 15. August kommt noch einmal eine große Gefahrenzone. Diese wirst Du ja jedenfalls auch abwarten. Wir können uns dann durch Postkarten (denn ich möchte nicht viel schrieben) noch verständigen. Und ich bitte Dich jetzt schon zu überlegen u. zu raten. (NB. Unsre Ferienkarte geht über Immendingen - Stuttgart zurück.)
In den drei ersten Tagen war Lubowski noch hier. Das war sehr anregend. Er weiß außerdem immer alles Praktische. - Tatsächlich ist der öst. Minister Wolf, der mit dem Auto tödlich verunglückt ist, mein alter Hörer und treuer Freund gewesen. Prof. Mahnke, Fachkollege in Marburg, ist ebenso umgekommen.
Wie war es in Schönbrunn? Wann wirst Du mit den Zeichnungen fertig sein? Vermutlich leidest Du auch unter dem gewittrigen Sommer wie ich. Aber Ende August wird das vielleicht einmal besser.
Viel herzliche Wünsche und Grüße, auch von Susanne.
Innigst Dein
Eduard.