Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. August 1939 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 27. August 39.
½ 6 nachm.
Mein innig Geliebtes!
Hoffentlich hast Du eine erträgliche Fahrt gehabt und Dein Ziel noch gestern Abend ohne große Anstrengung erreicht. Wir sind jedenfalls gut angekommen, mit nur 5/4 Stunden Verspätung.
Dank meiner Technik, daß Susanne in der Sperre drin blieb, erhielten wir in durchgehenden Wagen 2 Eckplätze. Schon v. Radolfzell an waren wir 8 im Wagen II; alle Gänge standen voll. Bis Stuttgart ging es ruhiger zu. Dann "bekamen wir noch Zwillinge" zu dem schon vorhandenen netten Baby, nach einem Wortwechsel mit einem Unbeteiligten
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| in der neuen höheren Tonart. 7 Personen und 3 Babys machten die Nacht nicht gerade angenehm. Aber es war nicht so schlimm, wie vorgestellt. Die Koffer sollen durch die Packetfahrt kommen.
Unmittelbar nach der Ankunft erhielten wir die Formulare für die Bezugsregulierung. Ferner fand ich die Einkommensteuerregelung vor, die zu einer ernsthaften Herabsetzung der Lebensgewohnheiten nötigen wird. Soeben - einige Stunden nach uns - ist auch Ida eingetroffen. Wir haben bei schönem, aber drückenden Wetter im Krug noch einmal im Freien Mittag gegessen und damit die Ferien abgeschlossen.
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Irgend eine Äußerung zur Sache habe ich während der Fahrt nicht gehört, hieraus aber auch meine Schlüsse gezogen. Eine Zeitung habe ich nicht gesehen - wozu auch? Der Verkehr am Anh. Bhf. war lebhaft, aber nicht überwältigend. Berlin macht einen stillen Eindruck: Sonntag und weniger Autos. Die kriegerischen Fanfaren, die wir hören, kommen von einem nahen Zirkus. Sahen wir in Konstanz gleich bei der Einfahrt einen Elefanten, so hier - ein Kamel.
Der Blick auf die friedliche sonnige Reichenau bei der Fahrt war schön und beglückend. Ich bin ganz ruhig, teils apathisch, teils aber auch von innerer Festigkeit erfüllt. Wie es auch komme: wir haben uns noch einmal auf dem uns so lieben
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| Boden gesehen. Deine Worte haben alles ausgedrückt, was ich auch empfinde. Nun laß uns hinnehmen, was uns bestimmt ist. Die Liebe siegt allein - was auch sonst äußerlich in der Zeit siegen möge.
Wir beide sind ziemlich benommen im Kopf. Es ist sonst auch nichts Wichtiges mitzuteilen, so daß ich diesen Reisebericht schließe. Meine Schulden bei Dir regle ich in nächster Zeit.
Viel innige Wünsche und Grüße, auch von Susanne,
stets Dein dankbarer
Eduard.