Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. September 1939 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 28. IX. 39.
Mein innig Geliebtes!
In übermüdetem Zustand "greife ich noch zur Feder", damit es Dir an einem sichtbaren Zeichen des Gedenkens nicht fehlt. Du hast in Deinen lieben Zeilen vom 22.IX. Wäschesendungen angekündigt. Sie können wohl noch nicht eingetroffen sein. Ich empfehle aber, mit solchen Sendungen fortzufahren, nicht nur von Gebrauchsgütern, sondern auch von anderem, was ohne mühselige Verpackung in Sicherheit gebracht werden kann und einen seelischen oder sachlichen Wert repräsentiert. Das Porto ist nicht so erheblich, und die Rücksendung zu friedlicher Zeit wäre nicht schwer.
Die Hörsäle füllen sich hier in einem Maße, wie wir es seit Jahren nicht mehr kennen. Es ist nicht leicht, die Leute mit der Arbeit spärlicher Abendstunden so zu bedienen, daß sie doch auch noch "Berlin" spüren. An der anderen Stelle geht mehr
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| Zeit ungenützt hin, als man gewöhnt ist. Es ist aber doch immer noch furchtbar, und morgen beginne ich mit erster Eigentätigkeit. Fliegerprüfungen sind leichter als Offiziersprüfungen, die ja nunmehr aufhören.
Obwohl die Verdunkelung den Verkehr sehr behindert, sehen wir und hören wir noch genug Menschen; jeder weiß anderes. Frau Kerschensteiner hat z. B. ihr gesandte Briefe ihres Mannes eiligst zurückgesandt wegen nächtlicher Beunruhigung. An Berliner Mauern soll sich Zeichenkunst mehr betätigt haben, als die aus ähnlicher Quelle stammenden Fensterschäden bedeuten. Das sind natürlich belanglose Nebenerscheinungen.
Am Sonntag erwarten wir Heinz, für den wohl auch etwas da ist, da ich 4 mal mittags nicht nach Hause komme. Gestern haben wir Franke zum 76. Geburtstag besucht. Leider sind neue Spuren des Leidens aufgetreten, das vor 5 Jahren zur Operation führte. Auch Penck (81) ist operiert worden, scheint aber noch durchzukommen. Dieser Zettel sei Ersatz für unendliches nicht Gesagtes u. zu Sagendes.
In innigem Gedenken
Dein Eduard.

[li. Rand] Wenke ist in gleicher Eigenschaft wie ich eingezogen. Ein junger Student wird ihn hoffentlich ab 1.X. vertreten. Der Zustand im Seminar ist schauerlich.