Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14./15. Oktober 1939 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 14.X.39.
Mein innig Geliebtes!
Es ist zur Zeit mit meinen Kräften nicht weit her. Der Doppelberuf wäre leichter durchführbar, wenn ich nicht 14 Tage lang mit einem Aufleben des genügsam bekannten nervösen Darmzustandes und seit 7 Tagen mit dem verbreiteten fieberhaften Schnupfen zu tun gehabt hätte. Unter diesen Umständen kam ich, manchmal um 6 aufstehend, aber immer früh Schluß machend, gerade so durch. Überschuß blieb nicht - zumal kein Assistent und keine Schreibhilfe da waren.
An sich hätte ich nach 4 Wochen bei der H.-Psychologie sagen können: danke schön; ich habe nun genug. Aber dann hätte ich ein werdendes Können an dem Punkte abgeschnitten, wo alles sofort wieder verloren
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| gegangen wäre. Ich bin jetzt 6 Wochen dabei und prüfe bereits selbstständig Flugzeugführer (bisher nur 7.) Vermutlich werde ich das nach 14 Tagen abbrechen müssen. Denn meine Vorlesungen sind stark besucht (1) ca. 220, 2) ca 90-100. Seminar über 30.) und Dissertationen und Examina kommen auch. Aber die Fliegerprüfungen bedeuten eine belebende, für einen alten Lehrling freilich nicht leichte Aufgabe, der ich mich mit ganzer Aufmerksamkeit gern hingebe, weil man lernt, nicht bloß beurteilt.
Der Besuch von Heinz liegt nun schon 14 Tage zurück. Ich habe ihn gern und beklage nur, daß man um seine philosophische paternité und um andere Überzeugungssachen so herumgehen muß, als wenn das nicht da wäre. Ich muß auch bekennen, daß ich mich in seine Seele wenig heineindenken kann. Aber ich vermute,
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| daß sie verwandter ist, als man sich unter den schauerlichen Bedingungen von heute sagen kann.
Du fragst nach den viel erörterten Briefen. Objektiv ist die Frage unter den neuen Verhältnissen unwesentlich. Subjektiv aber empfinde ich so: am liebsten ist es mir, wenn sie da sind, wo Du bist. Denn ohne Dich sind sie nichts. Sie können dort sein, wo Du sie haben willst: auf der Bank oder ebenso gut im Hause. Und dabei wollen wir es nun lassen. Ob wir leben werden, ist uns Lebenden wichtig. Dies stellen wir in die Hand der Vorsehung. Warum sollen wir nicht erst recht dies Papier der Vorsehung überlassen. Denn das ist das Neue, das wir - vielleicht nicht erst jetzt - gelernt haben: Nur wo Raum ist für unsre Art, da ist auch der einzig würdige Ort für die Zeugnisse unsres Wesens. Was nach Heidelberg ging - und Heidelberg bist Du für mich - das soll auch dem Geschick des
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| lieben Heidelberg unwiderruflich anvertraut sein. -
Das Leben - wie das Essen - vereinfacht sich sehr. Nach 6 Uhr abends ist man nur [über der Zeile deutlicher wiederholt] nur draußen, wenn es unvermeidlich ist. Denn jeder Schritt ist ein Wagnis. Wie soll es im Dezember werden? Ich gehe um 7 ¼, manchmal erst 8 ¼ fort, komme oft erst um 18 wieder. Um 19 wird "eigentlich" gegessen. 20 Minuten spielen wir 66, was seltsamerweise die Seele auffrischt. Dann arbeite ich noch 1 ½ Stunden notdürftig, aber nicht ohne Erfolg für die Universität. Sehr lange wird es so nicht gehn, - wie überhaupt nicht. Wer nicht pfeifen gelernt hat, pfeift am wenigsten gern gewohnheitsmäßig auf dem letzten Loch. Trotzdem pfeifen wir so.
Ich bin seit ½ 8 im Betrieb. Jetzt ist es 22 Uhr. Ich will vorläufig in Deinem Interesse Schluß machen.

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Sonntag 12 ½.
Ich habe die wichtigsten Briefe geschrieben und über m. 4 Flieger nachgedacht, um sie treffend zu charakterisieren. Sonntags wird nur "erledigt"; wenn das geschehen ist, ist der freie Tag vorbei. Draußen ist eine föhnige Wärme. Wir müssen nach Tisch ein bißchen an die Luft.
Gestern hörte man hier schießen, ohne Alarm. Wie sich die Sache entwickeln wird, darüber ist hier allgemeines Rätselraten, leider noch mehr Gedankenlosigkeit, wie auch Litt schreibt. Merkwürdig ist doch, daß die Deutschen aus Riga herausmüssen und daß Helsinki evakuiert ist.
Wenke war 1 ½ Tage freundlicherweise hier, um s. Vertreter Hobohm einzuführen. Natürlich kam der um 2 Tage zu spät aus seiner Heimat zurück, so daß wieder nichts eigentlich geklärt werden konnte.
Morgen halte ich eine ganz kurze Ansprache im Ibero-Amerikan. Institut, am
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| 28.X. abends spreche ich in Magdeburg.
Bei Günther, mit dem ich gestern zusammen war, ist auch dies Gefühl apathischen Dabeiseins.
Wir nehmen Sonnabend 12-1, der einzigen freien Stunde wieder engl. Unterricht bei Frl. v. K., mindestens ebenso sehr wegen der reizvollen, völlig mit uns konsonierenden Persönlichkeit wie wegen der Sache. Außer einem deutschen Pfarrer aus Australien, der zum Studium hierher gekommen ist, sehen wir nur wenig Besuch. Alle 2-3 Wochen besuchen wir die Honigleute.
Ich muß Schluß machen mit diesem konfusen Brief. Das Wichtigste wird ja doch nicht zu diskutieren sein. Viele innige Grüße in treuer Nähe
Dein
Eduard.

[] Susanne, die auch erheblich erkältet ist, grüßt vielmals.