Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2./3. November 1939 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 2. Nov. 1939.
Mein innig Geliebtes!
Ich will Dir heute einen gedrängten, obwohl nicht kurzen Bericht über mein Dasein in der letzten Zeit geben. Vorweg bemerke ich nur zweierlei: 1) Deine Wertsendung ist eingetroffen, aber noch nicht eröffnet. 2) Meine Erkältung nimmt kein Ende und erleichtert die arbeitsreiche Lage nicht gerade.
A) Am 26. Oktober bin ich auf freundliche Art aus dem militärischen Hilfsdienst entlassen worden, nachdem ich ca 24 Flieger schon selbstständig geprüft habe. Der General hat mir einen anerkennenden Brief geschrieben. Der reizende Oberst und der brave Major haben mich 2 Stunden lang in einer Vorlesung besucht. Es fand noch ein Tee in einem Kasino mit Damen statt, bei dem ich eine Stunde lang über japanische
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| Psychologie gesprochen habe und einen Aschbecher aus Cadium mit dem Namenszug des alten Fritz zur Erinnerung erhielt. Diese Dienstzeit war ein fruchtbares Intermezzo, das möglicherweise noch einmal seine Fortsetzung finden kann. Lauter grundanständige Leute. (26.X.)
B. Am Sonnabend 28.X. um 5 fuhr ich unter ziemlich erschwerenden Reiseumständen nach Magdeburg, wurde von 4 Honoratioren am dunklen Bahnhof abgeholt und sprach dann in Gegenwart des ns., aber geistig interessierten Oberbürgermeisters vor 350 Hörern (mehr konnten keine Karten erhalten) über Japan in kulturmorpholog. Beleuchtung mit Erfolg. Nachher geselliges Beisammensein, darunter auch alte Bekannte, im Ratskeller des alten schönen Rathauses, wo auch der Vortrag stattgefunden hatte. Ein bißchen anstrengend und schlechte Nacht. Auf der
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| Rückreise traf ich mich mit Susanne in Potsdam und besuchte dann mit ihr Honigs, wo die ganze Familie war, auch der reizende Stiefneffe Werner aus dem Felde mit einem noch reizenderen jungen Kameraden. Diese Bilder bewegen das Herz am meisten. Rest des Tages: Erledigung der aufgehäuften Korrespondenz. Es kommen in der Woche mindestens 7 dicke Bände nicht wertloser Neuerscheinungen als Geschenk.
C. Am Montag Regelung der komplizierten Seminarangelegenheiten; dann Sitzung im Japaninstitut. (in der vorangehenden Woche waren wir zum Abschiedstee beim scheidenden (Grund?) Botschafter Oshima gewesen.) Ein armer kleiner Japaner vom Tokyoinstitut ist eben noch unter Gefahren im dunklen Berlin eingetroffen; - zum Studium.
D. Gestern Mittwoch erste Mittwochsgesellschaft bei Lietzmann. Es ist aber manchmal so dunkel, daß man kaum ans Ziel gelangt.
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E. Mein Einspruch gegen die Etablierung des Gesinnungsl..... Gerhard Lehmann hier als Dozent hat seltsamerweise bei den Beteiligten stärkere Zustimmung gefunden, als ich in menschlichem Mitempfinden beanspruchen wollte. Man sieht wohl ein, daß man sich mit solchen Bundesgenossen keinen Dienst erweist. Der Spezialfreund B ist abwesend, unbekannt wo, und selbst die Pgs wollen mit ihm nichts mehr zu tun haben. Spät. Und es wird ja auch noch wieder anders kommen.
Mein Ausscheiden aus der militärischen Funktion wurde notwendig durch die Fülle der Dissertationen, die mir vorliegen, wenn auch z. T. nur zum Koreferat. Es war aber auch keine ausreichende Vorbereitung zu den Vorlesungen mehr möglich. In der einen Vorlesung sind treu 200 u. mehr Leute, in der anderen 80-100. Es scheint, daß ich damit wieder einmal das Maximum in meiner Fakultät habe.
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Trotzdem sind die beruflichen Verhältnisse nicht angenehmer als früher. Es muß wohl "noch ein bißchen anders werden." Darüber sind die Urteile sehr verschieden. Völlige Übereinstimmung mit Litts, die vorgestern fast 4 Stunden bei uns waren. Anders Oncken, Herre! - aber es ist ja mit Händen zu greifen. Eine große Verlegenheit bereiten die soeben fertig gewordenen Geschichtslehrbücher.
Susanne war heute bei Frau Biermann, dieser tapferen Frau, die ihren Christian eben noch an der Front aufgesucht hat. Er macht sich gut, wächst über sich hinaus. Ich bin natürlich in tiefer Sorge.
Gestorben sind der Schwiegersohn von Kippenberg, die entzückende uralte Witwe von Scherer, der Direktor der Lehrerhochschule Kiel Peters (cf. Kiel 1927.)
Mein neuer Assistent ist willig aber Fabius Cunctator in Person. Man kann
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| das Seminar nicht einmal auf seiner traurigen Höhe halten. An Ausländern habe ich noch 10. Die Griechen, Serben, Türken beginnen wieder zu schreiben. Ein Bulgare hat mir mit einem Landsmann ein Pfund Butter geschickt, die natürlich nicht mehr zu brauchen ist. Die Propaganda ist nach dem Maßstab des Dümmsten zu bemessen. Was wir in Lettland und Estland seit 20 jahren gesät haben, ist leider nicht aufgegangen, sondern vernichtet. Und Finnland?
Ich muß nun wohl aufhören. Denn wenn man in der Dunkelheit in der Stadt gewesen ist, war es immer ein Kampf, und man hat so viel Deprimierendes im Geistigen erlebt, daß man genug davon (nach Luther) "auszukehren" hat.
Seltsam: mir fällt eben ein, daß Hermines Schwarzwaldtannen nach notwendiger Versetzung erstaunlich weiterkommen. Mögen doch auch wir nach notwendiger Versetzung weiterkommen!

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3. Nov. früh.
Noch ein paar Nachträge! Ich freue mich, daß Du Otto Kohler gesehen hast. Er wird sich im besten Fall auf eine lange Abwesenheit gefaßt machen müssen.
Von Ada Weinels Tod hörte ich mit Betrübnis und Überraschung. Woran ist sie denn gestorben? Sie kann doch höchstens 60 gewesen sein.
Zum 1.XI. habe ich ein Gehalt von 183 M ausgezahlt erhalten; das übrige hat sich durch Steuernachzahlungen, Winterhilfswerk, berechtigte und - zunächst noch - strittige Abzüge verflüchtigt. Es ist natürlich, daß im Kriege ohne Kriegsanleihen die Substanz angegriffen wird.
Vom "Goethe" ist das 15.-20. Tausend gedruckt worden.
So, jetzt muß ich schleunigstens schließen, mit innigen Wünschen und Grüßen. Auch Susanne grüßt herzlich.
Dein
Eduard.