Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. November 1939 (Berlin/Dahlem)


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12.XI.39.
Mein innig Geliebtes!
Wir haben jetzt im ganzen 3 liebe Briefe von Dir. Es ist uns sehr wohltuend, so mit Dir und Deinem Leben in Verbindung zu sein. Besonders erfreulich war die Nachricht von dem Zusammensein mit dem Reichenauer Freunde. Ich glaube, da ziemlich im Bilde zu sein. Was nützt es jedoch! Übrigens hoffe ich auf ruhige Zeiten. Denn die Tage sind für größere Aktionen schon zu kurz und niemand will heran.
Schade ist es ja, daß ich nun nicht mehr mit m. Leier nach Riga, Dorpat, Reval reisen werden, geschweige denn von da nach Helsinki und Åbo.
Das Ereignis der letzten arbeitsreichen (warmen u. deshalb abspannenden) Woche war für uns privatim der Robert-Koch-Film. Ich fand, daß der Virchow von W. K. aus
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| gezeichnet gespielt wird. Aber etwas bitter muß es für die arme Adele doch gewesen sein. Übrigens will Jannings hier in der Kaiser-Wilhelm-Ges. über den Film sprechen. Das kann ganz interessant sein.
Außerdem war ich zum Herrenabend bei dem Sohn des Staatsministers a. D. Lentze. Der Weg über den zur Wüste verwandelten früheren Reichskanzlerplatz war in der Dunkelheit ein Wagnis. Abgesehen v. dem Gespräch mit dem 79 jähr. Herrn war es angreifend langweilig. Auch die Mittwochsgesellschaft hat ihre Abende ohne Essen wieder aufgenommen. Am nächsten Sonntag Vorm. beginne ich nun mit der Goethe-Gesellschaft. Am 9.XII soll ich hier reden über " Berlin als Sitz weltgestaltender Philosophie" u. am 21.I gar in Aachen!x) [Fuß] x) cf. Prof. Christ, Reichenau 1938 Ich habe einen Stoß von Diss. gelesen und schreibe jetzt alle Briefe selbst. Die Zahl der geschenkweise übersandten neuen Bücher ist fabelhaft.
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| Auch aus dem noch offenen Anstande. Die Hörerzahl wächst immer noch. Neulich war wieder der gute Oberst 2 Stunden lang da. Viel Ärger bereitet der Fall Lehmann. Aber man ist vorläufig auf m. Seite. Mit dem B. ist offenbar etwas Faules los.
Gestern erwarteten wir den Rektor von Prag verabredungsgemäß, aber vergeblich. Er kam dann heute, als wir den (auch notwendigen) Spaziergang machten. Vorm. waren Felix Krüger u. Frau bei uns, die jetzt in Potsdam leben. Mit Meinecke, den ich neulich kurz besuchte, wörtliche Übereinstimmung.
In der Auslegung der neuesten Texte muß man sehr vorsichtig sein. Das ist alles nicht so einfach.
Ich arbeite wieder an der Seminarbibliothek selbst mit wie vor 27 Jahren. Wenke scheint nun Ordinarius in Erlangen zu werden. Die Heerespsychologie hatte ihn nämlich ganz für sich haben wollen.
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Trotz alles Berichteten leben wir sehr still. Ich komme in der Dunkelheit nur sehr schlecht vorwärts, obwohl hier nicht von oben kommt. Conradine Lück aus Hamburg findet es hier ruhig.
Manch schöner Gruß aus dem Felde wie 1914ff. Dabei fällt mir ein, daß die gute, tapfere Frau Biermann sogar bei uns "zu Mittag" war. Die hat sich zu ihrem Sohn im Westerwald durch gekämpft, ein rührendes Unternehmen. Jetzt müßte sie wohl mehr ins Wiesental gehen.
Ich habe immer Austausch von Grüßen mit Schweiz, Griechenland, Jugoslavien, Türkei, Japan, Rumänien. Mein Blumentopf blüht noch, während Donats Pflanzen eingestandenermaßen welken.
Susanne ist in verschwiegener Sorge mit ihrer Gumbinner Schwester um deren Ältesten, der nun schon ausgebildet wird. Die Mütter leiden viel. Auch der Werner Honig ist ja bald exponiert. Zu ihm hat sich die Stiefmutter in Stettin auch durchgekämpft - rührend - und der [über der Zeile] sein Hauptmann, der ihr dazu half, war mein dankbarer Hörer gewesen. Wir sind an der Wende - es kann aber auch nach Osten gehn ......
<li. Rand> Verzeih dies müde Geschwätz. Wie ich höre, ist auch das 4. Packet eingetroffen. Grüße Emmy herzlichst, wenn sie kommt. Stets Dein Eduard.