Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. November 1939 (Berlin)


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27.XI.39.
Mein innig Geliebtes!
Als Du vor 8 Tagen bei Sturm in Dielbach warst, hatten wir auch hier ein Wetter, das als das schlechteste des ganzen Jahres gelten könnte, wenn es nicht durch den gestrigen Sonntag (und heute) noch übertroffen worden wäre. Leider regnet es dann immer noch vom Dach her durch. - An jenem Sonntag recitierte (frei!!) unter m. Vorsitz Friedel Hintze Schillersche u. Goethesche Dichtungen am Vormittag in der Goethe-Gesellschaft. Wir hatten wenig erwartet, aber es war wirklich eine schöne Stunde. Ein sympathischer Mensch von angenehmem Aussehen; reif, ein feinsinnig zeitbezogenes Programm, nichts künstlich, nichts übertrieben, alles maßvoll und edel. Es war eine seelische Wohltat. Und über 300 Leute guten Publikums. (Man lese doch gerade jetzt "Herrmann u. Dorothea" wieder!)
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Am nächsten Tage war herrliches Wetter. Wir machten einen freien Tag, auch wegen meines dies Jahr wirklich recht schweren Bronchialkatarrhs, gingen durch einsamen Wald von Seddin nach Ferch, von dort nach Kaputh - viel Luft und Licht, fast nicht zu essen, und mit Autobus über Potsdam heim. - Auch mit Frankes sind wir einmal in der Alten Fischerhütte gewesen.
Sonst kommen wir in diesen kurzen Tagen garnicht heraus. Nur am Freitag bin ich wegen des Seminars noch während der Dunkelheit in der Stadt. Ich habe nun schon 5 Dissertationen seit dem Abgang vom Militär erledigt, auch eine als Korreferent zum Spezialfreund, die meinem Gewissen sehr große Schmerzen gemacht hat.
Am Totensonntag besuchten wir (nachträglich zum Geburtstag) mein jüngstes Patenkind, den Sohn des armen Thiele.
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| Das ist ein so stämmiger Kerl, daß man wehmütig begreift, warum seine Mutter bald nach der Geburt sterben mußte. Wie tragisch sind die Bänder des Lebens. Nachm. kamen Erdmanns, ein junges Ehepaar (sie die Kindergärtnerin von der "Potsdam", er schon verwundeter Soldat), unangemeldet; abends eine seltsame Plauderstunde mit Laportes (unserem vis-à-vis.)
Eigentlich hat Onkel Voß Bertha v. Anroy unangemeldet überfallen wollen. Sein Verwalter hat ihm aber erklärt, daß das nicht ginge, offenbar wegen der Weiterungen mit den Verwandten. Der Plan ist abgeblasen worden, weil Onkel Voß auch durch seinen Münchener Unfall seelisch recht mitgenommen war. Es wird wohl nötig sein, dem Onkel einen dauernden Beistand zu geben. Er macht bei seinem Alter allerhand Sachen, die sehr unangenehm wirken. Wie man über ihn denkt, hat er erst bei dieser Gelegenheit
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| erfahren. Man beginnt in seiner Umgebung zu hoffen, daß es trotz allem noch gut abgehen könnte, wenn der Beistand ihn im Auge behält.
Ich Onkel habe eben keine Schreibhilfe, weil die nette Nichte Flora wieder ihre alte Stellung bei Siemens übernommen hat. Die Ersparnis ist erwünscht. Ich habe aber fast das ganze Wochenende Korrespondenz zu erledigen; denn der Umfang der Post, auch wegen der "Erziehung", ist garnicht gering. Aber die Abendstunden reichen ja fast von 4-10. Ich bin ziemlich fleißig und hätte beinahe alle Mss aufgearbeitet. Sogleich aber waren 3 neue da.
Du kapierst das Lateinische schlecht. Mss ist Plural. Solche Abkürzungen sind besonders übel für den, der schon Ms nicht versteht.
Am Vortrag für den 9.XII. bin ich schon tätig u. beschäftige mich mit F. d. G. Ich hatte eine Zeitlang Befürchtungen, man habe auch ihn apotheosiert. Aber das ist doch ganz anderer <li. Rand> Stoff. Mein Übersetzer in Finnland, Hollo, jetzt Evakuierter in Stockholm soll hier eine Gastvorlesung halten. Die Armen aus Riga, Dorpat, Reval - daß sie gerade im Winter plötzlich abreisen mußten.
<Kopf> Wir waren am gleichen Tage zu Serings Trauerfeier u. Onckens 70. Geburtstag, bei dem mein Überzieher über <re. Rand> 3 Glieder vertauscht wurde. Für heute Schluß mit treuem Gruß.
Dein Eduard.
[] Wie geht es Frau Ewald?