Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Dezember 1939 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 16. Dezember 1939.
Mein innig Geliebtes!
Vor 2 Jahren habe ich mir in Singapur (!) eine wollene, noch dazu weiße Weste gekauft. Mit ihrer Hilfe ist es möglich, im Zimmer zu schreiben. Im Januar wird unser Koksvorrat zu Ende sein; dann gibt es im günstigen Fall von Gelegenheit zu Gelegenheit 10 Ctr.
Ich habe wohl lange nicht geschrieben. Aber was ist überhaupt aus unsrem Briefwechsel geworden; was hat aus ihm werden müssen! Eine äußerlich Reportage. Auch heute wird es nicht mehr sein. Zu Beginn dieser Zeilen habe ich mir eine sog. "richtige" Zigarre angesteckt. Sie ist nun schon zur Hälfte zu Ende. Wie ich durchkommen soll, wenn es - vermutlich auch im Januar -
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| garkeine mehr gibt, das ist mir wirklich eine Sorge. Denn ohne jedes Reizmittel funktioniert mein Herz und auch mein Gehirn nicht mehr ausreichend.
Nachdem wir nun Herrn Lehmann mit Hartmanns tätiger Mithilfe den anderen würdigen Dozenten eingereiht haben, geht die Philosophie bei uns einer neuen schöneren Ära entgegen.
Ich habe sehr viel Arbeit gehabt mit dem Vortrag "Berlin als Sitz weltgestaltender Philosophie" (9.XII.39), der für Günthers Phil. Gesellschaft und den Verein für die Geschichte Berlins gemeinsam gehalten wurde. Trotz tiefer Dunkelheit waren doch etwa 300-350 Leute anwesend, darunter Generalleutnant v. Voß und der Rektor. Die Sache ging mir gut von der Hand; ein Auszug für die Forsch. u. Fortschr. ist geschrieben. Der
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| zweitgenannte Verein schenkte mir allerhand Berolinensia, die Dich z. T. interessieren würden. In seiner Zeitschrift war auch ein Aufsatz über den Baurat Wentzel, den Besitzer des Hauses Friedrichstr. 79a, der mir manchen neuen Aufschluß brachte. In der von ihm erbauten, zufällig noch stehenden Matthaeikirche fand die Trauerfeier für den Bankdirektor Schlitter statt. In ihm hat die Mittwochsgesellschaft das 2. Mitglied in diesem Jahr verloren. Es war die größte Trauergemeinde seit Harnacks Tod, die ich gesehen habe.
Daß Heinrich Scholz und Frau hier waren, habe ich wohl schon geschrieben. Der goldgute Mensch hat hier sein bißchen Gesundheit aufgebraucht, um einen befreundeten Fachgenossen aus Warschau heraus zu bekommen. Kurz danach besuchte ich ebenfalls im Hôtel den Baron v. Uexküll, der nun zum 2. Mal sein Gut in Estland verloren hat und dessen in Finnland verheiratete Tochter mit
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| ihren Kindern ins Innere fliehen mußte.
Am vorigen Sonntag haben wir Felix Kruegers in Wildpark besucht und sind dann durch den ganzen Park von Sanssouci zu Honigs gegangen. Die Sokratische Jugend herrscht auch dort. Am Montag war der liebe Schmidt-Ott (nun 79 ½ Jahre) bei uns, weil ich ihn in einer geschäftlichen Sache sprechen wollte. 4 verheiratete Söhne bei militärischen Stellen.
Heute haben wir einen mir sehr zugetanen Kollegen v. d. Technischen Hochschule (Brennecke) in Nicolassee besucht. Sonst lebt man still. Wir waren natürlich auch mal bei Frankes.
Ich habe schon vor 10 Tagen, da Du die Zusendung der Dir zustehenden Beträge nicht wünschtest, für Dich 500 M Meininger Hypotheken-Pfandbriefe gekauft (4½ %.) Sie sind (wegen Neuausfertigung) noch immer nicht geliefert. Wenn sie kommen, werden
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| sie im Schreibtisch des Silberzimmersx [li. Rand] x dort, nicht auf der Bank, weil da schon alles andere liegt. mit Deinen anderen Papieren aufbewahrt werden, und ich werde Dich bitten, mir eine Bescheinigung zu schicken, daß das Dein Eigentum ist. Sie wird dann dazugelegt werden.
Meine Steuern für 1940 sind schon jetzt mit 1600 M überzahlt. Heraus bekommt man nichts. Hätte Susanne nicht nachgefragt, wäre alles 2 Jahre lang so weitergelaufen. Nun, wir werden ja sehen. Denn wovon wird der Krieg finanziert?
Aus Japan kam ein Brief von Beckers (sonst wenig.); dieser war ganz interessant. Das Gottesgeschenk, scheint sich völlig, d. h. nach allen Seiten, isoliert zu haben. Mein Nachfolger hat Krach mit ihm gehabt, aber auch mit der Botschaft und mit der Partei. Ich selbst habe der Zensur wegen nur 12 Neujahrskarten nach Japan gesandt.
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Mein Fröbelaufsatz wird in Amerika ins Englische übersetzt werden.
Von Heinz hatten wir einen Brief, der schon äußerlich das damalige Wetter verriet. Christian schweigt zur Zeit. Sein Vetter Birkmeyer entwickelt sich zu m. Lieblingsstudenten.
Das Seminar habe ich am Freitag mit der Stabilzahl 30 geschlossen. Das war noch nicht ganz übel. Aber die Finsternis und Leere der Seminarräume redet eine Totensprache. (Ich bin neugierig, wie es bei Euch wird, wenn die U. nun wieder aufmacht.) Die eine Vorlesung (die schwere) habe ich heute beendet, immer noch mit 50-60. Die Psychol. der Lebensalter bleibt bis zum Schluß einzigartig besetzt. Ich wickle in dies Papier eine Fülle von Lebensweisheit und Wegweisungen, die sich sonst schlecht transportieren lassen. Und ......
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In der letzten Mittwochsgesellschaft - neues Mitglied ist der frühere Generalstabschef Generaloberst Beck, ein sympathischer Mann - sprach Minister Popitz über den völligen, katastrophalen Bankrott der neuen Volksschullehrerbildung (schon rein statistisch.). Du erinnerst Dich, wie ich 1920 um diese Dinge leiden mußte, obwohl ich leider noch auf halbem Wege entgegenkam. 1940 ist nun die Katastrophe da. Ziehe die Anwendung auf ähnliche Kämpfe und 1960 oder früher. "Haltet aus, haltet aus im Sturmgebraus."
Heute kam von Frau Kerschensteiner ihre soeben erschienene K. Biographie. Ich fürchte, daß sie allzu leichte Ware geworden ist. Ernst Fischer, der Malersohn von Aloys Fischer, ist gefallen. Eine der Tragödien im Gefolge des Zeitstils.
Fritz Blättner ist der frühere Redakteur der "Erz." - notgedrungen ein Halber, mit dem es wegen dieses Aufsatzes wieder Schwierigkeiten gab. "Die Jahre der Entscheidung" sind längst
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| vorüber. Als sie erschienen, gab es viel Aufregung und offiziellen Verdruß. Ich fürchte, der Mann hat richtig gesehen.
Gänsebraten hat es auch für uns gegeben: Für 100 M, die ich dem Vater der Lisbeth anstelle der erbetenen 500 leihen mußte. Ein litauischer Professor hat einmal Butter u. einmal Kaffee geschickt, ein Bulgare 2 mal Butter, ein jap. Student Fleischmarken geschenkt - rührend und nicht ganz angenehm.
Mein Katarrh ist gegen Gewohnheit und Wetterlage besser geworden. Sogar besser als voriges Jahr (Sils.) Die Schweizer haben aber zum Lohn dafür unsre Restdevisen bis jetzt behalten (!?)
Das sind nun lauter Stücke vom Gänseklein. Ich werde zu Weihnachten wegen unendlicher Briefpflichten dafür nur ganz kurz schreiben. Weihnachten - aus guter Einsicht doch konzediert - hat ja ohnehin etwas absolut Unwahrscheinliches.
Innigste Grüße, auch v. Susanne, die für die Weihnachtsempfänger aus Lust Panne<li. Rand>kuken bäckt. Dein getreuester
Eduard.