Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Dezember 1939 (Berlin/Dahlem)


[1]
|
Dahlem, den 22.XII.39.
Mein innig Geliebtes!
Mit dem Briefpapier soll es nun auch zu Ende gehen - daher diese Edelmarke. Und was den Inhalt betrifft, so habe ich in dieser Woche schon etwa 20 Briefe geschrieben. Das hinterläßt immer eine gewisse Übersättigung. Aber es soll ja auch nur ein Gruß werden, der direkt in Deinen Weihnachtsabend kommt, wenn die Post ihre Pflicht tut. Ich habe Dein Päckchen schon aufgemacht, aber nur um den Brief zu entnehmen, in dem alles schöner gesagt ist, was uns gemeinsam erfüllt, als ich es könnte; und ganz wahr. Ich meine: kein "Alarm" kann uns im Tiefsten treffen; höchstens die Nerven. Aus diesem neuesten Brief weiß ich, wo Du zum Fest bist. Ich werde Dich auf allen Wegen begleiten, besonders aber am 24.XII. Dir nahe sein.
Ich danke für die Marken, die ganz willkommen waren; aber bitte keine Wiederholung. Ex officio hätten wir gerade jetzt
[2]
| sehr wenig. Aber die rührende Schwägerin in Gumbinnen, ein Japaner (Fleischmarken), der entfernt bekannte Bulgare [über der Zeile] (Butter) und - Frau Landesfeind, die wegen ihres Sohnes mit der Wurst nach - mir wirft (was ich ihr verbieten werde), - das alles macht so viel Masse, daß wir ev. auch für Frl. v. Harnack noch etwas haben, die wir zum 3. Feiertag gebeten haben. Für junge Leute ist das alles ja wichtiger. Du weißt, ich war nie so sehr stimmungsbereit für das Fest. Und diesmal!?
Aber an unsre Heidelberger Nachweihnachtstage denke ich, mit Hochwasser, Glatteis und Schnee. Und heute an den Tag in Rosenau-Koburg; denn das Wetter ist ähnlich.
Heute kam ein wirklich goldguter Brief von Heinrich. Sein Kollege in Münster, Wust, geht langsam nach 2 Operationen am Gaumenkrebs zugrunde. Aber so entsetzlich wie sein Leiden, so herrlich ist seine Glaubensfestigkeit [über der Zeile] kath. und seine Liebe im Abschiednehmen. Mein Vetter Imhülsen ist, wie ich heute erfahre, an perniziöser Anämie erkrankt. Es kommen die Jahre, wo die Gefährten meiner Generation gehen.
Ich muß doch wegen eines Punktes noch einen 2. "Bogen" nehmen.
[3]
|
Du beklagst Dich über ausbleibende Briefe von Susanne. Es ist gut, daß wir darüber einmal sprechen. Die Gute hat unsre 30-40 Sendungen zusammengeholt und fertig gemacht. Ich habe wenig damit zu tun. Aber zum Briefschreiben ist sie so schwer zu bewegen wie der Schuldiener von Schröbler zum Anhören eines Vortrages. Deshalb bleibt auch bei Briefen, die weniger persönlich zu fassen wären, die ganze Schreibelast immer auf mir. Sie hat nicht die Art, ihr Inneres auszudrücken. Es ist aber auch noch etwas Anderes: ihr Gefühlspendel schlägt nicht sehr weit aus. Innerhalb der Schwingungsbreite kann man sich auf sie absolut verlassen. Sie würde aber - wenn ich über den Anlaß dieser Bemerkung weiter hinausgehen darf - niemals spontan einen Brief schreiben, weil er den Empfänger gerade freuen oder gar trösten könnte. Ich muß dann immer erst stoßen und drängeln. Auch das ist ja eine bekannte Sache: wer eigentlich wenig zu tun hat, kommt nie mit seiner Zeit aus, weil dazu ein Tempo gehört, das vom frühen Morgen einsetzen müßte. Die Hauptsache aber ist: der ostpreußische Schlag.
[4]
| Beide Schwestern sind eigentlich ganz anders; die Potsdamer, trotz rauherer Außenseite grundgütig. Die sind eben Mütter. Aber das ist nicht etwa eine Klage. Ein gleichmäßiges und gemäßigtest Klima beglückt durch seine Zuverlässigkeit. Was S. tut, ist immer recht. Sie kann keine Worte "machen." Nun, im besonderen Fall, von dem ich ausging: da meint sie natürlich, das Wichtigste werde unter uns beiden gesagt und sie "hänge nur so dran." Es ist auch wieder so ein Gefühl, daß Dir ein Brief von ihr nicht viel sein könne.
Eben waren wir bei Frankes. Sie liegt mit einer leichten Nierenaffektion.
Grüße den Vorstand, Adele, Rösel Hecht und wen Du sonst dafür geeignet findest.
Es ist scheußliches Glatteis. Das finde ich auch echt. Denn wo ist eine feste Basis?
Wir beide haben sie jedenfalls. Und darum Schluß, auch von mir ohne viele Worte: Gesegnete Weihnachten!
Dein getreuester
Eduard.