Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 31. Dezember 1939/1. Januar 1940 (Berlin/Dahlem)


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[li. Ecke] Papier aus Schuls
Dahlem, den 31.XII.39.
21 Uhr.
Mein innig Geliebtes!
Noch ein paar Worte am Jahresschluß. Zunächst herzlichen Dank für den lieben Jahresbegleiter mit den hoffnungsvoll-wehmütigen Herbstzeitlosen (zuerst von mir 1904 unterhalb des Kaffee Palmenwald "entdeckt") und für die reiche Sortierung, bei der Du ja die völlige Unverwertbarkeit jeder einzelnen Sorte für Dich überzeugend dargetan hast. Es ist beinahe kränkend, wie Du Deine unbrauchbaren Sachen gerade an uns verschwendest. - - Die Glasdose jage ich Susanne wieder ab.
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Der Heilige Abend mit Röschen zu Mittag, Hennings und Ida zum Kaffee und mit brennendem Weihnachtsbaum verlief harmonisch. Um 6 waren wir in der kleinen Kirche, die trotz etwa 4 Pararallelveranstaltungen voll war. Sachgeschenke in maßvollen Grenzen.
Altberlin } Susanne
Japan. Gedichte }
Pinder, Dürerzeit  J. Kiehm
Holzteller geschnitzt K. Kiehm
Kalender 1 Marg. Thümmel
Kalender 2 Math. Mayer
Meisterzeichn. Schopenhauer -   Fehmer
 Decke. Besser

Susanne erhielt - Fechter, Gärten d. Lebens (demi.)
 Silberservice für Milch u. Zucker.
Am 1. Feiertag in Potsdam war es ebenfalls harmonisch. Wir müssen nur hin u. zurück
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| je 4 Fahrzeuge benutzen, u. es regnete stark. Am 2. Feiertag war garnichts, nur ein Spaziergang zeitweise bei Schneesturm. Am 3. nachm. war Frl. v. Harnack bei uns. Am 28. besorgte ich einen Verleger für eine Fröbelpublikation 1940. Dabei oder sonst muß ich mich erkältet haben. Ich blieb am 29., statt Eulenburg zu besuchen, vorsichtshalber im Bett, habe den 2. kräftigen Schnupfen der Saison, bin aber heute schon ausgegangen. Vorm. besuchte uns Franke, nachm. wir Ogrowski. Mit letzterem ganz interessant.
Also ganz stille Weihnachtstage wie nie. Ich habe Wiechert, Vom einfachen Leben, gelesen, das mich noch beschäftigt. Franke sagt, es hätte keinen Schluß. Ja - das Menschliche hat immer irgendwann ein Ende, aber selten einen Schluß. Fechter hat mich nur im Bett angefochten. Günther (Rassengünther), Bauerntum, ein eigentlich verfehltes Buch von 650 Seiten mußte ich
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| ganz lesen, um es zu besprechen, was heute geschehen ist. Viel Zeitverlust.
Ein gescheiter Brief kam heute von Wenke; ganz dumme von Morgner u. aus Prag. Ich habe jetzt schon etwa 90 Festantworten verschiedenster Länge bis zu vollen Briefen abgesandt. Weiteres folgt. Aus Japan bisher 1 japan. Gruß (es stimmt nicht mehr; sie sind übrigens auch - mit ihrem Latein fertig) Beckers sandten 2 Bücher und interessante Briefe. Conrads schrieben an Susanne aus Heidelberg.
Der langweilige Festkram ist bald vorüber. Diesmal fehlte fast ganz irgend ein beachtliches geistiges Niveau u. wir im Hause hier sind auch ernstlich in Gefahr, geistig einzuschlafen.
Morgen will ich mit neuen Objekten beginnen u. so lange es geht, so tun, als ob ich es nicht wäre.
Emmy schrieb Brief.- Du solltest sie aber nicht um Sendungen bitte!!
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Bei Deinen Wertpapieren habe ich mich um die Zinsen gekümmert und zu diesem Zweck das Packet erst geöffnet. Ich habe festgestellt, daß die Coupons für Rhein-Hypoth. fehlen. Hast Du die zurückbehalten? Für Main-Donau habe ich 52 Pf. Zinsen einkassiert, was eine halbe Stunde gedauert hat. Die Meininger sind noch nicht eingetroffen.
Onkel Voß hat eigentlich keine klare Linie mehr. Was er ins Wasser wirft, ist zu leicht, bildlich: hat keine durchschlagende Kraft. Den geplanten Spaziergang will keiner mitmachen, selbst der Reichenauer nicht. (Den hast Du wohl auf der Insel nicht gesehen?) Sein Personal ist halb gelangweilt, halb unbotmäßig. Der Papa aber scheint mir sehr tätig. Du weißt ja aber, wie mir sein Katholizismus zuwider ist.
Am 10. beginnt nun ein neues, kurzes Semester, unterbrochen durch eine Fahrt nach
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| Aachen (21.I.), wenn sie zu Schiff ginge, wäre es angenehmer, und ev. durch einen Vortrag in Budapest. Für den Sommer muß auch schon übermorgen angekündigt werden.
Wir hausen nur noch unten, vorläufig bei 12° R. In 5 Tagen ist unsre Heizung zu Ende. Nachlieferung ist mehr als ungewiß. Vor Semesterbeginn könnten wir noch aus dem Hause gehen. Für den Ofen oben sind auch nur wenige Briketts vorhanden, die dann Hennings u. Ida haben müßten. Früher sagten wir ahnungsvoll: "Immer nobel, Willem, wenn dir auch friert." Und wie steht es mit der noblesse?
Susanne und Ida sitzen im Nebenzimmer, wo der Weihnachtsbaum heizt. Wir werden alle um ½ 11 Schluß machen. Ich wenigstens - für dieses Jahr. Ich fühle Deine Nähe und grüße Dich im Blick auf 1940 - das immer noch
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| sehr viel gut machen kann, trotz der fatalen Geschichte mit Onkel Voß.

1.I.1940.
Ein möglichst gutes neues Jahr!
Gestern und heute sind Deine lieben Briefe an Susanne und mich eingetroffen. Da gäbe es viel zu beantworten. Aber ich verschiebe dies. - Die Grippeanwandlung war wohl auch wieder Sympathie. Es ist mir nicht ganz recht, daß Du die rauhe Fahrt in die Berge gerade jetzt unternehmen willst, obwohl ich verstehe, daß Du die Gelegenheit wahrnehmen willst, Otto Kohler zu sehen. Also mach's gut. - Heute kam noch ein lieber Brief von Hermann mit Bericht über die ganze Familie, - auch sonst ein Stoß. Es ist des Schreibens kein Ende.
Den Aufsatz aus Forsch. u. Fortschr. bekommst Du, sobald er erschienen ist. Du weißt doch, daß Otto Brauns Abstam
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|mung auch nicht genügt.
Keine Sorge. Dextropur ist noch nicht nötig. Über das Fest war alles sehr reichlich.
Heute war nur Erika Hoffmann da, mit der ich Fröbelsachen besprach. Dann gingen wir bei kräftiger Kälte bis Bahnhof Grunewald. Es waren ungewöhnlich viel Menschen unterwegs.
Ergriffen hat es mich, daß die Mutter von Ernst Fischer † auch dies Jahr noch ein Kunstblatt von ihm geschickt hat: treu bis über das Leben hinaus war er in allem - galt aber doch nur halb. Es ist zum Schäumen!
Im Sinne unsrer alten Werte grüße ich Dich herzlich. Auch Susanne grüßt.
Dein
Eduard.