Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. Januar 1939 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28. Januar 39
Mein geliebtes Herz!
Diesmal ist die Pause im Schreiben unerhört lang. Du weißt, daß es keine Treulosigkeit ist, sondern nur eine zunehmende Apathie, vielleicht vorübergehende Erschöpfung, vielleicht Alter. - Den angefangenen Brief habe ich zerrissen und ich hoffe, heut mit dem wohltuenden, frischen Eindruck der wundervollen Musik gestern wird der Text brauchbarer. Ich habe ja von mir eigentlich nie etwas zu berichten und innerlich fehlt mir in quälender Weise die Kraft, mich zu konzentrieren. Es ist so viel Erschütterndes in kurzer Folge über uns hingegangen, daß es ist, als könnte man nichts mehr so richtig aufnehmen. In mir ist eine sehr starke Ablehnung gegen alles, was bei mir kein Echo weckt, während ich das früher als Erweiterung oder Ergänzung aufnehmen konnte. Ich bin überkritisch geworden.
Wie wohltuend ist es da, sich einmal guter Musik in so vollendeter Wiedergabe rückhaltlos hingeben zu können. Ganz besonders hat mich die D moll Sonate von Brahms ergriffen. - - Etwas wirklich Befreiendes hatte es auch, als ich vor einigen Tagen den alten Herrn v. Schoepffer Deinen Akademie-Vortrag vorlesen konnte. Da atmet man wieder einmal in der reinen Luft wissenschaftlicher Wahrhaftigkeit. Und wieviel Anregung und Licht gibst Du auch damit der Betrachtung gegenwärtiger Dinge.
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| Anregung auch das Problematische jeder Erkenntnis zu sehen. Vernichtend - wenn nicht über allem der Glaube an die Kraft eines siegreichen Lebenssinnes stände.
Der Kalenderspruch zum 25., dem Tag Deiner Rede in Münster, hat mir gefallen. Ich bin sehr begierig zu hören, welchen Eindruck Du dort und am 17. hattest.
Auch der Brief von Heinz beschäftigt mich noch. Die Karte vom 4.1. erkläre ich mir etwas aus innerer Unfreiheit Dir gegenüber durch seine Bindung an Heyse. Und was er über das Dramax [li. Rand] x er sagt: von Curt Langenbeck; aber unsre Zeitung sagt anders. schreibt, das ihm so großen Eindruck machte, wurde mir in seiner Wirkung recht greifbar demonstriert an einem Schüler von Frl. Weber, einem jungen Philologen, der auch mit ehrlichem Enthusiasmus an die Möglichkeit einer friedlichen Regeneration glaubt. Hier möchte sich wohl etwas bilden, was aus dem Wesen unsres Volksgeistes entspringt. Man fragt sich freilich, findet dieser Glaube an eine höhere Bestimmung seine Erfüllung in den Zielen, die heute gelten? Es müßte wohl ein Prinzip der Totalität sein, wenn dem Volk der "Dichter und Denker" auch bestimmt wäre, einen absolut politischen Wert zu verkörpern. Denn gerade dies galt vorher als ein typischer Mangel.
Der Löwe auf dem Seil - ich habe ihn nicht in Natur gesehen - erinnert mich an die Lektüre des merkwürdigen Buches, das ich kürzlich geliehen hatte. Es lehnte sich gegen vieles darin mein Gefühl auf, so viel ich doch, wie Du weißt, für Mystik übrig habe. Aber sie
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| darf nicht zum "Beruf" werden. Auch sind mir die Anfänger gar zu unbefangen in ihren Behauptungen. Ich möchte über dies Thema mal einen ernsten Wissenschaftler lesen (wie ja auch Bolza einer ist) z. B. Psyche von Erwin Rohde. - Aber Einzelheiten in dem Buch haben mich doch angeregt und - (wie Du am Bilde! siehst) - kommt solche Magie noch heute vor!
Mit dem Zeichnen in der Klinik ist es schon wieder vorbei. Die Herren sind so stark von der Praxis in Anspruch genommen, daß zu längeren wissenschaftlichen Arbeiten keine Zeit ist. - Im Bekanntenkreise ist viel Krankheit, zum Teil recht ernster Art. Aber dem Vorstand geht es gut; am 2. Juli hat sie Geburtstag und wird 83! Auch ich kann nicht über meine Gesundheit Klage führen. Nur mit dem Schlaf ist es merkwürdig. Obgleich ich müde bin, schlafe ich oft schwer ein, und wache in kurzen Zwischenräumen immer wieder auf. Oft weckt mich auch ein erschreckender Traum. Nur in der vorigen Woche war es ein schöner, der mich wach machte, da warst Du bei mir, so lebhaft und deutlich, daß es war wie Wirklichkeit!
Nun aber will ich diesen Brief vor 9 Uhr in den Kasten bringen, und hoffen, daß Du mir wieder im Schlaf Deine Gegenwart so täuschend vorspiegelst. Ich grüße Dich innig. Die Karte an Susanne schrieb ich nur, damit Du nicht dächtest, ich wäre verunglückt! Möchten uns keine zu großen Überraschungen bevorstehen!
Deine Käthe.