Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5. Juni 1939 (Ober-Dielbach)


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Ober-Dielbach. 5. Juni 1939.
Mein geliebetes Herz!
Bei Sonnenschein und Fliederduft sitze ich in der Laube im Kohlerschen Garten und es ist wie eine richtige Sommerfrische. Wie schade, daß Euch die Weimar-Reise nicht auch solche Eindrücke brachte!
Hoffentlich ist es mit dem Rheuma in der Schulter nicht ärger geworden? Über die Karte aus Berka und Deinen lieben Brief vom 26. habe ich mich innig gefreut. Den Brief von Anderl sende ich Dir demnächst mit dem Protokoll der "Weltgerichtsgeschichte" zurück. Wenn man die Sache von Felizitas hört, wird sie selbstverständlich anders lauten. Ich bin ja im ganzen geneigt, von Anderl etwas mehr zu glauben. Aber du weißt ja auch: liebe Seele hab Geduld - - - . Was hat Eli Felizitas denn auf deine Anfrage
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| erwidert? - Daß es bei Dir eine häufige Erscheinung wäre, daß sich freundschaftliche Beziehungen lockern, kann ich nun durchaus nicht zugeben. Ich habe ganz im Gegenteil den Eindruck, daß du die Menschen dauernder festhältst, als andere. Aber schließlich hat alles einen begrenzten Gehalt, und es wäre töricht, etwas festhalten zu wollen, was seinen Sinn verloren hat. All den Leuten gegenüber, die Du mir nennst, hast Du doch nicht Grund, Dir etwas vorzuwerfen; aber Du hast sie Dir vielleicht idealisiert, und von ihnen etwas erwartet, was sie nicht sind.
Man fängt wohl leicht jede Beziehung mit Illusionen und darum mit Ansprüchen an. Aber man lernt immer mehr, die Leute zu nehmen, wie sie sind. Am schwersten wird es mir beim Vorstand, weil es sich da um Wesensgegensätze handelt, die mit dem Charakter zusammenhängen. - Du schreibst: ist nicht überall Bruch? - und das ist nur zu wahr. Ob es leichter ist, wenn es von außen als Schicksal
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| kommt? Da ist etwas, was mich erschüttert. Ich habe eine Frau Baurat Deipser flüchtig kennen gelernt, sehe sie alle paar Monate mal, und war kürzlich bei ihr zum Kaffee mit ihrer Tochter zusammen, die vor dem Dolmetscher-Examen steht. Der Sohn hat die juristischen Examen hinter sich und die Mutter - (Witwe) - sagte mir: nun würde sie es endlich etwas leichter im Leben haben. Gestern finde ich hier in der Zeitung die Anzeige, daß dieser Sohn durch "ein jähes Ende" ihnen entrissen sei. Was kann da vorliegen? Es ist eine grausame Zeit!
Und dann quälen sich die Menschen untereinander! Am Pfingstsonntag war bei Rösel eine wahre Grabesstimmung - die Schwester Cläre begleitete mich dann nach Haus, als ich bald wieder ging und sagte, daß Rösel allen durch ihre Unbeherrschtheit die Tage verdorben habe. Dabei war doch ihr Walter vom Arbeitsdienst nur zu kurzem Urlaub zu Haus.
Da ist es eine Wohltat hier in dem friedlichen Hause zu sein mit den lieben Menschen. Die Kleine ist sehr gewachsen und lieb von Wesen.
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| Natürlich ist sie auch manchmal unartig, aber man kann sie bald eines Besseren belehren.
Otto Kohler hat mir von seinem seinem Freund erzählt, dem Volksschullehrer Mäusel in Mannheim, der mit großem Interesse bei Jaspers philosophische Kollegs hörte, nunmehr eine große Arbeit über Hegel beendet hat. ⅓ davon ist hier in Heidelberg als Doktordissertation angenommen, alle Formalitäten sind beendet, aber es handelt sich jetzt noch um den Druck. Die Arbeit ist als sehr gut bezeichnet, aber kein Verlag will eine Dissertation annehmen und der Familienvater fürchtet die Druckkosten, hofft irgendwie einen Zuschuß zu erhalten. Er hat sich an die Kant-Ges. gewendet, die sei aufgelöst. Die Hegel-Gesellschaft vertreten durch Prof. Binder (Jurist?) erklärte die Arbeit mit steigendem Interesse gelesen zu haben und stellt eine erstaunliche philos. Begabung fest, kann aber keinen Zuschuß vermitteln. Jetzt hofft er nun auf die Neuen Deutschen Forschungen, bei denen Dr. Günther Herausgeber ist - den kennen wir doch gut und so wollte ich dir die Sache mal vortragen, ob nicht dabei eine
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| möglichst günstige Art des Drucks dabei zu bewerkstelligen wäre? Die Arbeit ist jetzt bei Hans Günther, und wenn du meinst, daß ich ihm die Situation beschreiben soll, kann ich es wohl tun. Es ist ein wirklich großes Interesse, was den Mann veranlaßt hat, Jahre mit der Ausarbeitung zuzubringen, von der er doch eigentlich garkeinen äußeren Nutzen haben wird, nur jetzt die Sorge um die Kosten. Vielleicht wirst du da irgend einen Rat geben können. Dein Name soll unter den Herausgebern der Zeitschrift stehen. Gerade wie Drechsler hatte auch er mit Krieck bei der Dissertation Schwierigkeiten, hat sie aber überwunden. -
- Sehr erfreulich war ein Weg mit Cläre Wendling von der Wolkenkur nach dem Kümmelbacher, so wie wir ihn früher zu machen pflegten. Es war einer der ersten schönen Tage und in mir klang es von Erinnerungen und lieben Versen aus früherer Zeit. Wie sehr wünschte ich Dich herbei.
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Wie mag sich jetzt der Haushalt bei Euch einrichten? Hoffentlich geht alles glatt. - Mancherlei Einzelheiten wären zu erzählen, aber das muß warten, bis wir uns mal wieder sehen, denn jetzt will ich wieder in die herrliche Luft drunten bei den Obstbäumen, wo immer ein leichter Wind geht. -
Otto Kohler hat leider eine eitrige Zahnwurzelentzündung und ist nach Heidelberg. Hoffentlich wird die Sache nicht ärger. Es ist jetzt eine sehr verbreitete Erkrankung.
Morgen, Dienstag, werde ich wieder nach Haus fahren. Am liebsten bliebe ich noch lange hier, denn es ist hier bei einer Höhe von 500 m. eine herrliche Frische trotz der Sonnenscheins.
Sei sehr, sehr herzlich gegrüßt, und verzeih, daß ich dich mit der Anfrage belästige. Man hofft sehr, von dir einen Rat zu bekommen. Grüße Susanne vielmals; hoffentlich ist die neue Hilfe recht brauchbar.
In stetem Gedenken
Deine Käthe.