Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. September 1939 (Heidelberg)


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Heidelberg. 6. Sept. 1939.
Mein Liebster!
Heute vormittag erhielt ich Deinen lieben Brief und er überschüttete mich mit Deiner liebevollen Sorge. Wie tief empfinde ich jedes liebe Wort.
Vorläufig aber scheint es mir nicht richtig, fortzugehen. Wohl sieht man Leute mit Gepäck abreisen, aber man weiß ja nicht, wie ihre Verhältnisse liegen. Aber man weiß doch, daß dies nicht eine Reise ist, wie andere, sondern daß man damit jede eigene Existenzmöglichkeit aufgibt und andere belastet. Wenn nun auch in diesem Fall Du, mein liebes Herz, der einzige Mensch bist, von dem ich ohne Widerstreben solch Opfer annehmen kann, so möchte ich doch nicht eher diesen Schritt tun, bis die Notwendigkeit dazu zwingt. Seit gestern abend ist
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| die Nervosität wieder etwas geringer geworden, und wenn man auch weiß, daß solche Stimmungen wechseln, so liegen doch begründete Vermutungen vor, daß der Abtransport nicht mehr so dringend ist.
Es kann ja sein, daß sich das bald ändert und daß ich noch vor diesen Zeilen bei Dir eintreffe. Aber man weiß das nicht. Es ist noch fahrplanmäßige Verbindung nach Berlin, abends 98 ab, 7,16 früh an, mit Umsteigen. Sonst nur noch vormittags 10.46 bis Frkft. u. von dort 14.44 Berlin an 22.48. Ich würde, wenn sich das tun läßt, vom Bahnhof aus mein Eintreffen anmelden.
Du schriebst von der seltsamen Mischung von Apathie und Festigkeit, die jetzt in uns ist. Ja, so geht es mir! Ich glaube, bis zu einem gewissen Grade gelassen zu sein und abgeschlossen zu haben. Aber dann werden die Nerven wieder angekurbelt, wenn es heißt: einen Entschluß fassen! Denn wer
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| ist imstande, sicher das Richtige zu treffen? Ich habe wohl ein heißes Verlangen, zu Dir zu kommen, aber ist solch egoistischer Wunsch jetzt zeitgemäß, wo so viele zu letztem Abschied bereit sein müssen? - Seit Sonntag besuche ich (u. Rösel) täglich abends Otto Kohler in der Kaserne - leider nicht in der mir nächsten. Er muß sich erst sehr zu den Anforderungen trainieren: das große Gewicht der Ausrüstung, die harten Stiefel, das ungewohnte Marschieren. Aber er ist wie immer in seiner Ruhe bewundernswert. -
Bei mir hat sich wieder einmal der bewußte Krampfhusten eingestellt, der so leicht auf die Stimmritze wirkt. Aber ich habe jetzt ein wirksames Gegenmittel, sodaß der Anfall rasch vorübergeht. Fräulein Dr. Clauß hatte mehr Verständnis dafür als Dein Kurzrock. So kann ich also im Notfall ganz beruhigt reisen. - Jetzt warte ich mal die Entwicklung morgen ab, und heute will ich nur Dir und Susanne noch einmal von Herzen danken, daß Ihr so bereit seid, mir eine tröstliche Zuflucht zu bieten. Ihr wißt nicht, was es in dieser Lage heißt: ich werde gern empfangen!
Mit den herzlichsten Grüßen und treuen Wünschen
Deine
Käthe.