Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. Oktober 1939 (Heidelberg)


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Heidelberg. 6. Okt. 39.
Mein geliebtes Herz!
Ich bin so dankbar, daß Du mir so oft schreibst und daß ich so teilnehmen kann an Deinem Tagablauf. Er ist bewegt und überreich ausgefüllt, während bei mir nichts geschieht, als warten. Warten und lauter Nebendinge, die aber still und friedlich aussehen, seit die Transporte der "Rückwanderer" aufgehört haben. Allmälig merkt man auch hier, was den Marken an Realien entspricht und wundert sich manchmal. Da freut man sich doppelt über das, was über diese Realität hinweg hilft, und das war außer Deinem lieben Brief die Abhandlung der Akademie. Ich habe mich gleich darüber hergemacht und mich vertieft in diese "Welt"
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| die Du in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhang mit der Umwelt so klar und lebendig schilderst, ohne falsche Verherrlichung. Man fühlt so die innere Notwendigkeit, aus der sich alles gestaltet. Dieser Blick aufs Ganze der geordneten Welt ist groß, und im Spiel ist die Freiheit unter dem Gesetz. Woher kommt es nun, daß bei ihm mancher in der Ausgestaltung pedantisch und geschwungen erscheint? Ich glaube, es ist wohl das bewußt Lehrhafte, was bei Goethe nie so hervortritt. - Es ist so viel Schönes, ein solcher Reichtum an Gedanken, die Du sicherlich aus schwer zugänglichen Quellen hier zusammengetragen hast. -
Daß Du Kulturmorphologie liest, ist mir wie eine Hoffnung auf dereinstige Gesamtdarstellung, die ja schon lange Gestalt gewinnen will. Ist doch jetzt täglich - soweit der Himmel klar ist - nach dem
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| unerfreulichen Mars wieder der Jupiter beherrschend am Himmel. -
Gestern war ich mit Adele auf deren Wunsch im Robert-Koch-Film. Natürlich ist der immer auf Tendenz und Effekt gearbeitet, aber im ganzen ist der Film gut. Der Landarzt im Anfang hat mich so sehr an meinen Vater erinnert, der auch in Sturm und Kälte Tag und Nacht auf die Dörfer fuhr, anfangs auch in solch leichtem Verdeckwägelchen. Und dann die Sprechstunde ohne Mittagessen, wenn er erst so spät zurückkam. - Die Rolle, die Virchow spielt, ist nicht unwürdig und ich war froh, daß auch Adele befriedigt war. Es muß wohl nichts gegen die Wahrheit verstoßen, es war eben zunächst eine Gegnerschaft, die ihre sachlichen Gründe hatte, und
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| die der anerkannte Gelehrte etwas zu leicht nahm. Das Ganze läßt einen Blick tun in die kolossale Arbeitsleistung geistig Arbeitender und ist sicherlich in dieser Richtung recht lehrreich. -
Heute war nun mittags die Reichstagsrede, die ja leider die große Frage, die in aller Munde ist, nicht beantwortet. D. h. eigentlich liegt darin die Antwort. Ich habe also am Dienstag mal wieder ein Packet geschickt und werde noch mehr schicken. - Aber Du schreibst von Dingen, die seelischen oder sachlichen Wert haben. Da möchte ich natürlich zuerst Deine Briefe schicken, aber Du warst einmal so dagegen. Darf ich es jetzt tun? Bitte, antworte mir bald auf diese Frage! Der Kasten steht jetzt im Keller der Bank, aber was ist da sicher?! -
Wie fandet Ihr Heinz? Grüße Susanne herzlich, hoffentlich hat sie gute Nachrichten <li. Rand> von der Familie. - Immer in liebevollem Gedenken
Deine
Käthe.

[li. Rand S. 2] Von zerbrochenen Fensterscheiben wissen wir hier noch nichts.