Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 21. November 1939 (Heidelberg)


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Heidelberg. 21. Nov. 1939.
Mein geliebtes Herz!
Über Sonntag war ich in Dielbach und hatte Briefpapier mitgenommen, aber dort fand sich kein Ruhepunkt zum Schreiben. So kommt erst heute der Dank für Deinen lieben Brief vom 12., denn auch im Laufe der Woche war allerlei, was am rechtzeitigen Schreiben hinderte. Emmy war nämlich hier von Dienstag bis Freitag und da war ich mehrmals mit ihr zusammen. Dem Sohn geht es jetzt gut und Ende der Woche darf er nach Haus. Neues hatte sie nicht zu melden. Wenigstens war, was sie erzählte, nur Bestätigung für das, was wir wissen. Auch was ihre Freunde in Mannheim betrifft, die früher sehr anders dachten. -
Nun hat mit Vehemenz der Winter eingesetzt, mit einem Sturm, der an das wilde Heer gemahnte. Am Schulhaus in Dielbach riß er im ersten Stock einen Fensterladen aus den Angeln und jagte ihn über die Straße weg auf den Wiesenhang gegenüber. Dazu hat es gegossen, als sollte alles wegschwimmen, die Bäche traten über ihre Ufer und der Neckar ist ein reißender Strom. Das Jüngste im Lehrerhaus war wieder entzückend. Sie ist sehr mit Recht Vaters Liebling; sie ist temperamentvoll, aber gut zu lenken, klug und nachdenklich. Möge er ihr Heranwachsen glücklich erleben! - Die Nachrichten von ihm aus seiner Fahrkolonne lauten soweit gut. Er ist mit überwiegend älteren Leuten beisammen,
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| meist verheiratet und da manche noch keinen Urlaub hatten, kann man sich die Stimmung der Familienväter denken. Auch die Beförderung der Post ist oft recht unregelmäßig.
Heinz ist vermutlich recht vorn an der Front, denn er schrieb von weltabgeschlossener Stellung. Walter Hecht übt mit seiner Gebirgsartillerie noch in Mittenwald, und der Neffe von Rösel ist Infanterist in Posen. Von den Schwiegersöhnen in Berlin weiß ich nichts Neueres. So denkt man immer wieder an die Freunde draußen, und auch mit den hiesigen hat man Sorge. Denn von der guten Frau Ewald höre ich, daß sie keinen Besuch empfangen darf. Das will viel heißen, denn bisher überwand sie die oft sehr schweren Herzanfälle sehr rasch. Wenn sie bei ihrem Naturell einmal nachgibt, dann ist das sehr bedenklich.
Den Vortrag von Jannings würde ich auch gern hören. Das Spiel von Kraus ist in der Tat ausgezeichnet, wenn auch die Maske nicht wirklich ähnlich ist. Die Rolle ist ja - aufs Ganze gesehen - nicht unwürdig, aber natürlich sind die Charakterschwächen betont, filmmäßig karikiert. Adele war sehr tapfer dabei, dagegen ist sie jetzt in heller Empörung über einen Artikel ihres Bruders, in dem behauptet wird, die Kinder hätten nichts von ihrem Vater gehabt. Das ist wohl in der Tat unrichtig, und aus einer dauernden Mißstimmung des Sohnes heraus gesehen. Denn Adele sagt, daß der Vater immer des Sonntags mit ihnen Ausflüge machte, daß er mit den Söhnen gereist sei und sie alle mit Bedacht in die Umwelt und seine Interessen einführte. Wie eingehend und inhaltreich sind auch die Briefe, die Adele von ihm hat. Anders wird er sich auch sonst nicht gegeben
<Brief endet hier>